Kremlfreundliche Desinformationen zeichneten diese Woche (wieder einmal) ein dunkles Bild von den baltischen Staaten. Zuerst wurde die lettische Armee beschuldigt, 1991 während Lettlands Abkehr von der Sowjetunion in die Unabhängigkeit Zivilisten erschossen zu haben. In einer neuen russischen Dokumentation über „Pseudo-Revolutionen“ wurde behauptet, Offiziere der lettischen Armee hätten Zivilisten erschossen „vergleichbar mit den Ereignissen auf dem Maidan 2014“. Natürlich wurden diese Behauptungen schon etliche Male widerlegt, zumal das Thema der inszenierten „Farbrevolutionen“ immer wieder bei kremlfreundlichen Desinformationen auftauchte.

Zweitens wurde Lettland erneut beschuldigt, die Rechte der in Lettland lebender „Nichtbürger“ (hauptsächlich ethnischer Russen) zu beschneiden. Tatsächlich genießen Nichtbürger den gleichen gesetzlichen Schutz sowohl in Lettland als auch im Ausland lebend oder reisend. Außerdem sind sie neben den Bürgern die einzige Personengruppe, denen ein ständiger Aufenthalt in Lettland per Gesetz garantiert wird. Zudem können Nichtbürger die lettische Staatsbürgerschaft mithilfe eines Einbürgerungsprozesses erlangen.

Drittens erfuhr man von der kremlfreundlichen Sphäre die verstörende Geschichte, dass während der derzeitigen NATO-Übung Saber Strike 2018 in Litauen ein Kind getötet worden war. Angeblich wurde das Rad fahrende Kind von einem gepanzerten Personentransport der US-Armee getötet, welcher US-amerikanische Militärangehörige befördert hatte. Gemäß kremlfreundlichen Quellen starb das Kind vor Ort und 13 Amerikaner wurden verletzt. Wie so oft bei Desinformationen liegt ein Körnchen Wahrheit in der Geschichte: Es gab einen Unfall mit 13 US-Soldaten während der Übung. Doch hier hören die Tatsachen auf und ein aufwendiges Desinformationsschema übernimmt das Ruder. Diese fälscht sowohl die Nachricht über das getötete Kind als auch das verbreitende Medium selbst, indem der Anschein erweckt wurde es handle sich um Litauens Hauptnachrichtendienst. Die Geschichte wurde von Journalisten, der Statcom-Abteilung der litauischen Streitkräfte sowie vom litauischen Verteidigungsminister Raimundas Karoblis  schnell widerlegt. Rufen wir uns in Erinnerung, dass dies nicht das erste Mal ist, dass kremlfreundliche Desinformationen Quellen so manipulieren, dass sie wie angesehen Medien wirken. Es ist auch nicht das erste Mal, dass Kinder für kremlfreundliche Desinformationen genutzt werden.

Das Provokationsspiel

Während die Weltmeisterschaft in Russland näherrückt, haben wir von kremlfreundlichen Quellen einen umfangreichen Gebrauch des „Provokationsnarrativs“ bezüglich des Konflikts in der Ukraine wahrnehmen können. Wie wir schon früher in verschiedenen Fällen festgestellt haben, benutzen kremlfreundliche Desinformationen das Wort Provokation als Behauptung, dass etwas eine Operation „unter falscher Flagge“ gewesen sei, wie im Fall Skripal oder den Chemiewaffenangriffen in Syrien unterstellt worden war.

Doch diese Taktik kann auch genutzt werden, um zu behaupten, dass etwas geschehen wird.  So geschehen im Fall des Angriffs in Duma, als kremlfreundliche Medien ihr Publikum mit der Idee vertraut machten, dass ein Chemiewaffenangriff in Duma in Syrien unmittelbar bevor stand, wobei auch betont wurde, dass die Verbündeten des Kremls dabei unschuldig sein würden. Der Pressedienst der selbsternannten Volksrepublik Donezk, eine allbekannte Quelle von kremlfreundlichen Desinformationen behauptete, die ukrainischen Sicherheitskräfte würden eine Provokation im Donbas gegen eine Besuchsdelegation der EU vorbereiten. Wenn man an die enge Partnerschaft zwischen der EU und der Ukraine denkt, scheint es selbstverständlich unwahrscheinlich, dass so etwas passieren würde.

Des Weiteren brachten verschiedene russische Fernsehshows das Thema einer bevorstehenden „Provokation“ von der Ukraine in der Donbasregion während der Weltmeisterschaft in Russland auf. Gemäß den staatlich-kontrollierten russischen Nachrichtensendungen und offiziellen Vertretern des Kremls, würde eine solche Provokation „gravierende Konsequenzen“ für die ukrainische Eigenstaatlichkeit haben.

Wenn die Weltmeisterschaft beginnt, ist es nicht nur notwendig sich der allgemeinen Lage von Pressefreiheit und Menschenrechte in Russland bewusst zu werden, sondern auch der möglichen Verwertung dieses Ereignisses für Zwecke der Desinformation.

Übersetzungen aus dem Englischen: Astrid Schwaderer