Zuerst Widersprüche verbreiten…

Bei dem Chemiewaffenangriff in Chan Scheichun sah man, wie kremlfreundliche Medien ähnliche Desinformationsmethoden nutzen wie schon bei früheren Tragödien, wie zum Beispiel nach dem Abschuss des Flugs MH17 oder dem Mord an Boris Nemtsow, sowie bei dem Angriff auf einen humanitäre Hilfskonvoi in Aleppo.

Zuerst werden verschiedene, oft widersprüchliche Versionen des Vorfalls verbreitet, um Verwirrung und Misstrauen zu säen. Beim jetzigen Vorfall verlegte das russische Verteidigungsministerium zum Beispiel die Zeit des Angriffs auf fünf Stunden später, als er wirklich stattgefunden hatte. Es behauptete außerdem, die syrische Armee habe Chemiewaffen-Lager von Terroristen getroffen. Viele offizielle Vertreter Russlands haben danach diese Behauptung wiederholt, ebenso viele kremlfreundliche Medien in verschiedenen Sprachen (hier zum Beispiel eine slowakische Version).
Es ist eine Behauptung, die von mehreren Experten, Diplomaten und Zeugen vor Ort abgelehnt wird, denn a) die Rebellen waren nicht in der Lage, genug Sarin für einen Angriff von solcher Stärke herzustellen oder zu besitzen; und b) ein Luftschlag auf ein Sarin-Lager hätte den Giftstoff sofort zerstört. Siehe zum Beispiel die Erklärung im Guardian oder in der BBC. Dazu kommt, dass laut CNN das US-Militär und diverse Nachrichtendienste Gespräche syrischer Militärs über Vorbereitungen eines Sarin-Angriffs abgehört hätten.

Trotzdem wurden diese Theorien regelmäßig in den letzten zwei Wochen wiederholt, wie zum Beispiel in der russischen Haupt-„Nachrichten“-Sendung Westi nedeli oder im tschechischen Protiproud.

… und dann weiter mit Verschwörungen

Andere kremlfreundliche Medien, die eher zu Verschwörungen neigen, begannen, eine andere Version zu verbreiten: Dass der ganze Angriff eine Operation unter „falscher Flagge“ gewesen sei. Unter den ersten, die diese Information verbreiteten, war das amerikanische Medium Infowars, gleich danach kamen GlobalResearch und Medien in anderen Sprachen (beispielsweise tschechisch).

Lesen Sie bei Digital Forensic Research Lab (DFRLab), wer den Hashtag #SyriaHoax nach Amerika brachte.

Die große russische Talkshow Wremya Pokazhet behauptete sogar während ein und derselben Sendung, dass der Angriff eine Provokation des Islamische Staats gewesen sei; dann, dass die Bilder der Opfer gefälscht gewesen worden wären; und schlussendlich, dass der Angriff von der CIA und vom Pentagon organisiert gewesen sei. Das slowakische kremlfreundliche Medium hlavnespravy.sk bot mehrere und widersprüchliche Erklärungen an: Dass das Gas von einem Lager der Rebellen gekommen sei; dass der Angriff von Terroristen verübt worden sei und dass das Ganze eine Operation unter falscher Flagge der Weißhelme gewesen sei. Ungeachtet dessen, dass diese Verschwörungen ebenfalls schnell widerlegt waren, wurden sie weiter verbreitet und wiederholt, sogar zum Beispiel vom russischen Außenminister und anderen.

Auch eine weitere bekannte Methode wurde genutzt: Ablenkung. Dazu wurde jemand anderes eines ähnlichen Verbrechens woanders bezichtigt. Der offizielle Kanal des russischen Verteidigungsministeriums, TV Swesda, verlor keine Zeit und beschuldigte die Ukraine der Benutzung chemischer Waffen. Natürlich gab es keine Belege.

Das Diagramm von DFRLab zeigt, wie schnell sich die Behauptung des Angriffs unter „falscher Flagge“ nach dem Chemiewaffenangriff verbreitete.

Das Diagramm von DFRLab zeigt, wie schnell sich die Behauptung des Angriffs unter „falscher Flagge“ nach dem Chemiewaffenangriff verbreitete.

Demonstrationen sind gefälscht und Demonstranten sind Terroristen

Wie üblich wurden Demonstrationen gegen die Interessen des Kremls von kremlfreundlichen Medien als vom Westen organisiert dargestellt. Aus der Desinformation, dass „die USA und deren europäische Verbündete mit 10.000 NATO-Soldaten in die Ukraine einmarschiert sind“, wurde hier und hier der Schluss gezogen, dass die jüngsten Proteste in Weißrussland von westlichen Mächten organsiert seien, „in Weißrussland das Gleiche zu tun“. Natürlich wurde nicht erwähnt, dass das Engagement der NATO in der Ukraine gar nicht 10.000 Soldaten beinhaltet. Als Antwort auf den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine hat die NATO der Ukraine Unterstützung für die Entwicklung militärischer Kapazitäten und Training bereitgestellt. Auch der britische Botschafter in Weißrussland wurde beschuldigt, zusammen mit den USA und der EU hinter den Protesten zu stecken. Wieder wurden keine Belege genannt.

Außerdem wurden die friedlichen Proteste gegen Korruption in Russland vom russischen Staatsfernsehen in Zusammenhang mit dem Terroranschlag auf die St. Petersburger U-Bahn gebracht, gleichsam als zwei Teile eines Planes, die nächsten russischen Präsidentenwahlen anzugreifen. Der Westen wurde direkt für den Terroranschlag in St. Petersburg verantwortlich gemacht. Wie wir vor Kurzem aufgezeigt haben, benutzten kremlfreundliche Medien den „Nebel der Unwahrheiten“ nach einem Großteil der Terroranschläge in Europa, um abwechselnd den Westen oder Nichtregierungsorganisationen zu beschuldigen, hinter den Anschlägen zu stecken. Diese, so wurde behauptet, seien Operationen unter „falscher Flagge“ gewesen oder hätten gar nicht stattgefunden.

Die komplette Tabelle der neuesten Berichte mit Falschmeldungen lesen (auf Englisch):