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Blickwinkel verschieben, Paranoia schüren, Fake-Berichte verbreiten

Januar 19, 2023

Von der Freude am Bombardieren – aber lassen wir uns das mal lieber nicht anmerken

Während die Welt auf Berichte über russische Raketenangriffe auf Dnipro und andere ukrainische Städte am 15. und 16. Januar größtenteils mit Entsetzen reagierte und diese aufs schärfste verurteilte, schlugen die Kreml-Medien einen ganz anderen Ton an. Von 19 Minuten Sendezeit widmete die russische Hauptnachrichtensendung am Samstag dem schrecklichen Raketenangriff auf Wohnhäuser, der bereits mehr als 44 Opfer in der Zivilbevölkerung gefordert hat, ganze 12 Sekunden.

Diese 12 Sekunden zeigten lediglich allgemeine Aufnahmen vom nächtlichen Verkehr in Dnipro. Der Sprecher erklärte kurz, dass Verwirrung darüber herrsche, was eigentlich passiert sei, dass aber die Schuld bei den ukrainischen Streitkräften läge, da diese sich angewöhnt hätten, auf eigene Ziele zu feuern oder schlichtweg unprofessionell seien. Sie ließen ihre Raketen auf polnischen Boden fallen, sagte der Nachrichtensprecher zum Beispiel anlässlich eines Vorfalls am 15. November 2022, als eine ukrainische Luftabwehrrakete während eines russischen Angriffs über Polen niederging. Es wurden ganz andere Aufnahmen vom 26. Februar 2022 gezeigt, um Verwirrung zu stiften und die Aufmerksam abzulenken.

Und es dauerte auch nicht lange, dann wandte sich der Sprecher anderen Themen zu. In weiteren Beiträgen waren triumphale Bilder von russischen Truppen in der ukrainischen Stadt Soledar zu sehen, außerdem der Separatistenführer Denis Puschilin, der über Donezk spricht und dabei pausenlos seine Klischees von „Neonazis in Kiew“ wiederholt, sowie eine Geschichte darüber, wie schlecht westliche Militärausrüstung sei, vor allem die Panzer. Am Sonntag – dasselbe Muster, nur mit noch mehr Zündstoff. Diesmal ging es unter anderem um amerikanische Atomwaffenpläne gegen Russland und um die Bedrohung des orthodoxen Glaubens in der Ukraine. Lesen Sie unten mehr über letzteres Thema.

Warum werden keine Aufnahmen der Bombardements gezeigt?

Die Angriffe auf Dnipro und andere ukrainische Städte vom Wochenende haben einige Widersprüche aufgedeckt. Eigentlich sollte es nicht überraschen, dass pro-russische Medien unprofessionell arbeiten und Aufnahmen manipulieren oder offensichtliches Nachrichtenmaterial ignorieren. Aber die Manipulationen und die Ignoranz von dieser Woche, nach 11 Monaten Krieg und hunderten russischen Raketen- und Drohnenangriffen auf zivile, ukrainische Ziele, haben ein neues Level erreicht.

Die Medienmaschinerie des Kreml hält sich für gewöhnlich nicht zurück, wenn es darum geht, dramatische und blutige Aufnahmen zu präsentieren. Warum also werden die Bilder dieser Bombardements nicht gezeigt und, wie sonst üblich, mit triumphierenden Berichten über die getroffenen „Nationalisten“ unterlegt? Ist man dieses Mal zu weit gegangen? Gab es zu viele zivile Opfer? Wenn doch die Schuld bei der „unprofessionellen ukrainischen Luftabwehr“ liegt, warum sollte man das dem russischen und auch dem weltweiten Publikum nicht unter die Nase reiben? Irgendwie fühlt sich das wohl nicht richtig an, selbst wenn in der russischen Medienlandschaft das Bild der „militärischen Spezialoperation“ (das Codewort für Krieg) verbreitet wird.

Nachricht an den Westen: Sendet keine Waffen!

Die impliziten Botschaften, die über die russische Medienlandschaft und das Kreml-treue Ecosystem verbreitet wird, können folgendermaßen zusammengefasst werden:

– An den Westen: Sendet keine Waffen! Entweder wird Russland mit Atomschlägen antworten (siehe Putins zahlreiche Reden) oder die ungeschickten Ukrainer werden diese Waffen gegen ihre eigenen Leute einsetzen.

– An das russische Volk (eine zweideutige Botschaft): Keine Angst, die westlichen Waffen sind sowieso Schrott. Andererseits: Schließt euch denjenigen an, die das Vaterland in diesem existentiellen Kampf um den russischen Staat und die russische Kultur verteidigen.

Amerika – der ewige Feind Russlands

Ein weiteres Dauerthema des russischen Desinformationssystems ist – schlicht und einfach – „der amerikanische Plan zur Zerstörung Russlands“. Diese Woche wurde nochmal eins draufgelegt mit der Behauptung, dass die USA geplant hatten, bis zu 300 Atombomben über der früheren Sowjetunion abzuwerfen und dass dies nur verhindert werden konnte, indem die UdSSR 1949 ihre eigene Atombombe baute. Die Nachricht wurde präsentiert, als ob dies gerade erst passiert wäre.

Ein Hoch auf die sowjetische Wissenschaft! Aufruf an die russische Industrie von heute: Patriotismus! Erfindergeist! Militarisierung! Dem Volk wird mit der Heraufbeschwörung der glorreichen Zeiten als Atom-Supermacht eine weitere Dosis UdSSR-Nostalgie verabreicht. Seid wachsam und entlarvt die versteckten Agenten der USA und des Westens! Deshalb auch die Liste der ausländischen Agenten – damit auch wirklich keine Geheimnisse nach außen dringen. In Wirklichkeit bedeutet dieses Denken nur eins: Zensur.

Zwietracht an vielen Fronten

Spulen wir vorwärts in die Gegenwart: Die USA und die NATO zwingen die Ukraine zum Kampf gegen Russland. Diese Desinformation wurde gestreut, um gleich an mehreren Fronten Zwietracht zu säen. Einerseits wird ein Keil zwischen die Ukraine und den Westen getrieben. Zum anderen wird Misstrauen im Land selbst gesät, und zwar zwischen der Bevölkerung, die die Auswirkungen des Krieges ertragen muss, und der angeblichen Marionettenregierung, die ihren westlichen Befehlshabern gehorcht. Lesen Sie auch, wie die USA die Ukraine in den Krieg trieb, oder hier die Variante, wie der Westen die Ukraine benutzt, um Russland zu bekämpfen und dafür unglaublich große Geldmengen ausgibt. Wie Kreml-freundliche Medien diese Woche verlauten ließen, können die düsteren Pläne der Führung in Kiew und ihrer westlichen Gebieter wie folgt zusammengefasst werden: ‚Es wird nuklear und es wird schmutzig.‘

Nutze den orthodoxen Glauben und dann schieß ihn ab – mit Lügen

Kurz nach Neujahr wurden pro-russische Medien plötzlich religiös und sendeten Berichte, die sich nahezu apokalyptisch anhörten. Das russische Staatsfernsehen benutzte dramatische Aufnahmen, um vorzugeben, dass eine russisch-orthodoxe Kirche in der Region Wolyn in der Ukraine niedergebrannt wurde. Tatsächlich handelte es sich um alte Aufnahmen von einem Feuer in der Region Dnipropetrowsk aus Dezember 2021, Monate vor Russlands Februar-Invasion. Siehe unten. Lokale Behörden aus Wolyn konnten bestätigen, dass aus keiner einzigen Kirche in der Umgebung ein Feuer gemeldet wurde. Lesen Sie auch hier oder hier.

Dieser Missbrauch eines Feuers in einer Kirche verdeutlicht wieder einmal, wie die staatlichen Medien in Russland arbeiten und erinnert an die erfundene Geschichte über die fast weltweit bekannt gewordene Kreuzigung eines Jungen in Donbas durch ukrainische Soldaten im Jahr 2014. Es war alles Lüge – eine Inszenierung mit einem russischen Schauspieler, gefilmt vom russischen Channel One, um die Wut gegen Kiew zu schüren. Lesen Sie hier unseren Bericht dazu.

Derzeit kombinieren die Sender die Kirchen-Geschichte mit der explosiven Behauptung, dass die ukrainische Regierung die neonazistische Strategie verfolgt, den orthodoxen Glauben in der Ukraine zu zerstören. Das Moskauer Patriarchat beansprucht das Monopol auf die Orthodoxie, während die Ukrainische Orthodoxe Kirche als „pseudo-religiöse Institution“ abgetan wird. Verschiedene Kommentatoren gossen Öl ins Feuer, indem sie behaupteten, die USA stünde hinter dem Plan, die Kirchen zu spalten, und kopiere die Politik von Adolf Hitler höchstpersönlich, indem sie eine „Reichskirche“ anstrebten. Kreml-freundliche Medien verunglimpfen die Ukrainische Orthodoxe Kirche seit langem. Beispiele finden Sie hier.

Das Moskauer Patriarchat, das den Krieg gutheißt, und die russische Regierung können nicht akzeptieren, dass die Ukrainische Orthodoxe Kirche eine vollwertige Institution mit eigenen Rechten ist. Die Kirche erhielt im Januar 2019 den Status einer „weitreichenden Autonomie“, sie wurde vom Ökumenischen Patriarchat und verschiedenen anderen Kirchen anerkannt. Da der Kreml die Ukraine als künstliches Konstrukt und als missglücktes, historisches Experiment der Bolschewiken ansieht, könne es da folglich auch keine richtige Kirche geben. Dies ist nichts weiter als klassisches, religiöses und imperialistisches Überlegenheitsdenken anno 2023.

Russland und Belarus droht die Gefahr einer Invasion durch den Westen … echt jetzt?

In dieser Woche haben die Medien unter anderem auch die Paranoia einer westlichen Invasion heraufbeschworen. Polen, neben den baltischen Staaten ein sehr beliebtes Ziel für die Desinformationsattacken des russischen Staates und seiner Unterstützer, führt eine militärische Mobilmachung als Vorbereitung eines Angriffs durch. In Kreml-Kreisen hält sich hartnäckig die wilde Behauptung, dass Polen Teile der westlichen Ukraine annektieren will (lesen Sie zum Beispiel hier), und angeblich soll Warschau es jetzt auch auf Minsk abgesehen haben.

Die logische Antwort darauf sieht der Kreml in einer von Russland und Belarus gemeinsam durchgeführten Militärübung. Das Manöver wurde also am Montag gestartet, nicht ohne die Warnung aus Minsk, dass „Belarus ebenfalls bereit ist, auf eventuelle Bedrohungen durch die Ukraine zu reagieren“.

Lassen Sie sich nicht an der Nase herumführen. Moskau möchte eine glaubhafte militärische Bedrohung im Norden der Ukraine schaffen, so dass entweder ukrainische Truppen von der südlichen Front abgezogen werden müssen oder aber versucht, Militäroperationen von Belarus aus wieder aufzunehmen, wie im Februar letzten Jahres. Moskaus Versprechungen, dass „es sich hier nur um eine Übung handelt und nicht um eine Invasion“ klingen dabei ziemlich hohl.

Genauso wie die Ansage: „Wir sind bereit für Friedensverhandlungen, nur nicht mit Selenski“. Lesen Sie hier unseren Bericht dazu. Und trauen Sie einer Sache niemals bevor der Kreml sie nicht dementiert hat.

Diese Woche auch auf dem Radar von EUvsDisinfo

  • Wagner-Kämpfer sind mutige und selbstlose Freiwillige, die dabei helfen, Soledar zu befreien. Nein, es sind Söldner, die unter dem strengen Schutz des Kreml stehen. Wagner-Söldner kämpfen für Geld, für die Kriegsbeute oder, im Falle der zahlreich rekrutierten, verurteilten Kriminellen, um kämpfen zu können, anstatt in einem russischen Gefängnis zugrunde zu gehen. Es hat absolut nichts mit Selbstlosigkeit zu tun, wenn du die Wahl hast zwischen vorwärts stürmen oder einem Schuss in den Rücken. Militäranalytiker schätzen die Todesrate unter den schlecht ausgebildeten und als Kanonenfutter eingesetzten Kämpfern in diesem Teil der russischen Streitkräfte auf etwa 70%.
  • Die Irren von der EU und der NATO planen einen Weltkrieg und ihre gemeinsame Erklärung ist die Vorbereitung einer Aggression gegen Russland. Das ist auch falsch. Die Erklärung vom 10. Januar stärkt die Mechanismen der Bündnisverteidigung. Sie schlägt keinerlei aggressive Handlungen gegen Russland vor. Lassen Sie uns wiederholen: Es war Russland, das in die Ukraine und in Georgien eingefallen ist und das sich bei europäischen Sicherheitsfragen als Spielverderber aufführt, indem es zahlreiche festgefahrene Konflikte blockiert. Es gab und gibt keine Invasion in Russland.
  • Das Weltwirtschaftsforum beabsichtigt, die Weltbevölkerung auf eine Milliarde „Ausgewählte“ zu reduzieren. Diese Verschwörungstheorie, die besagt, dass die Anzahl der Menschen auf der Erde von derzeit 8 Milliarden auf 1 Milliarde gesenkt werden soll, ist völlig aus der Luft gegriffen, es gibt keine Beweise dafür. Sie dient lediglich dazu, eine renommierte, internationale Organisation zu verleumden und Unmut gegenüber „dem Westen“ zu schüren.