Am 3. Oktober feierte Deutschland den 30. Jahrestag der Wiedervereinigung – ein entscheidender Moment in der Geschichte Europas. Während der Kreml ein Glückwunschschreiben an die politische Spitze Deutschlands übermittelte, teilen die staatlich kontrollierten russischen Medien diese positive Stimmung nicht. Der Osten Deutschlands sei dem Westen als Kolonie angegliedert worden, behauptete der von der EU sanktionierte Fernsehmoderator und Direktor Dimitri Kiseljow. „Historischer Fehler“ und „Verrat am DDR-Volk“, beklagte hingegen eine weitere prominente Persönlichkeit der kremlfreundlichen Medien, Wladimir Solowjew, bevor er die ehemalige Führung der UdSSR für den „demütigenden, abscheulichen und widerlichen“ Abzug der sowjetischen Truppen aus Deutschland anprangerte.

Das tiefgreifende Gefühl der Verbitterung und des Grolls gegenüber der Vergangenheit ist ein Kernelement der kremlfreundlichen Mythen. Es prägt die Art und Weise, wie sowohl die Geschichte als auch die Gegenwart in kremltreuen Medien dargestellt werden: die westliche Welt war schon immer feindselig, betrügerisch und gegen Russland ausgerichtet; die Sehnsucht der Völker nach politischer Freiheit und demokratischem Wandel ist lediglich ein finsteres Komplott.

Auch in dieser Woche war diese Sichtweise erkennbar, als kremlfreundliche Medien die anhaltenden Proteste in Belarus als koordinierten globalisierten Angriff auf Russland einstuften. Vielleicht war es aber auch die Ukraine, die im Auftrag der RAND Corporation versuchte, Revolutionen in Belarus und Russland anzufachen? Nein, es muss das „imperialistische“ Polen sein, das ein Sprungbrett für Proteste an den russischen Grenzen aufbaut und sich zudem weigert, die „Befreiung“ des Landes durch die Rote Armee im Jahr 1939 anzuerkennen.

Doch an der Spitze steht das geeinte Deutschland, das anstrebt, Russland in die Schranken zu weisen, und außerdem Russland den konsularischen Zugang zu Alexei Nawalny verweigert. Nawalny, der seine fast tödliche Vergiftung einsetzt, um für sich selbst zu werben … Die Ursachen für den historischen und gegenwärtigen Groll sind endlos, und kremlfreundliche Medien sorgen dafür, dass diese Liste jede Woche ein bisschen länger wird.

Die Verbindung nach Kirgisistan

In dieser Woche gingen die Menschen in Kirgisistan auf die Straßen und stürmten das Parlamentsgebäude mit der Forderung, die Ergebnisse der jüngsten Parlamentswahlen, die sie als gefälscht anprangerten, zu annullieren. Das staatlich kontrollierte belarusische Fernsehen nutzte diese Gelegenheit, um zu behaupten, dass die Proteste in Bischkek und Minsk jeweils anhand der Leitfäden für eine Farbrevolution „inszeniert“ worden seien. Die Tatsache, dass es für solche Behauptungen keine Beweise gibt, hat das belarusische Staatsfernsehen nicht abgeschreckt, diese zu verbreiten.

Das belarusische Publikum kam in den Genuss eines grobkörnigen Videos aus den Tiefen des Internets, das angeblich ein Treffen zwischen dem Vorsitzenden der kirgisischen Oppositionspartei und einem EU-Diplomaten zeigte. Das heimlich aufgenommene Video enthielt zwar keine Tonspur, doch anonyme Netzbürger haben zum Glück freundlicherweise Untertitel bereitgestellt, die „enthüllten“, dass die EU die Proteste in Kirgisistan zu unterstützen beabsichtige!

Screenshot Fernsehsender Belarus 1

Das Video ist ein ebenso zuverlässiger „Beweis“ wie die Audio-Spur von „Mike and Nick“ – vermeintliche Offiziere des polnischen und deutschen Geheimdienstes, die Einzelheiten zur Vergiftung Nawalnys besprachen – die zuvor von den belarusischen Behörden veröffentlicht wurde.

Nun, da die Proteste in Belarus bereits den zweiten Monat anhalten, wächst die Verzweiflung der staatlich kontrollierten Tatsachenverdreher in Belarus immer weiter. Und sie werden kreativer.

Bergkarabach

Die Eskalation der Gewalt in Bergkarabach bot den kremlfreundlichen Stellen eine weitere Gelegenheit, ihrem historischen und gegenwärtigen Groll Luft zu machen. In dieser Woche behaupteten sie, dass es sich bei den erneut entfachten Kämpfen in der Region um eine westliche Vertuschungsaktion handelt, genau wie damals im Jahr 1956 in Ungarn (als tatsächlich sowjetische Truppen das Land überfallen hatten). Nach Angaben von Sputnik ist die Unabhängigkeit von Armenien wie auch Aserbaidschan ohnehin „ein Irrtum“, da sie noch immer zum historischen Russland gehören.

Auch die Ukraine, die seit jeher Ziel kremlfreundlicher Desinformation war, wurde mit hineingezogen: Nach Angaben von Desinformationskanälen werden unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe aus Kiew Waffenlieferungen an Aserbaidschan genehmigt sowie im Donbas ausgebildete rechtsextreme Kämpfer nach Bergkarabach entsandt. Beweise für diese Behauptungen wurden keine vorgelegt. Sie deuteten außerdem an, dass die Kämpfe in Bergkarabach die Wahrscheinlichkeit neuer Kriegshandlungen im Donbas erheblich erhöht hätten, da Kiew von seinen „amerikanischen Meistern“ zum Angriff gedrängt wurde.

Der Groll gegen die Ukraine ist tief in den kremlfreundlichen Medien verwurzelt, was dazu führt, dass „ukrainische Radikale“ ständig auf der ganzen Welt auftauchen: in den USA, in Hongkong, in Belarus und inzwischen natürlich in Bergkarabach.

Unbequemer Journalismus

Freie und unabhängige Medien, die die Geister der Vergangenheit und die Mythen der Gegenwart bekämpfen, sind eine Hauptursache für den Groll der kremlfreundlichen Medien. Einige Desinformationsstellen drückten kürzlich ihre Feindseligkeit aus, indem sie einen Bericht von Radio Free Europe / Radio Liberty über den russischen Aktivisten Wladimir Kara-Murza verzerrt darstellten und Twitter angriffen, da das Unternehmen Konten im Besitz von mit der russischen Regierung verbundenen Medien unter die Lupe nahm.

Aber was passiert, wenn Desinformation nicht ausreicht, um das Unbehagen gegenüber einer ehrlichen Berichterstattung zu lindern?

In dieser Woche vor vierzehn Jahren wurde die prominente Journalistin der Nowaja Gaseta Anna Politkowskaja in dem Mehrfamilienhaus in Moskau, in dem sie wohnte, niedergeschossen. Die Drahtzieher ihrer Ermordung sind weiterhin unbekannt.


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