Hinweis Ziel dieses Berichts ist es, eine Momentaufnahme der aktuellen Trends und Erkenntnisse über die Desinformationstätigkeit im Zusammenhang mit COVID-19/dem Coronavirus zu liefern. Der auf offenen Quellen beruhende Bericht stellt keinen umfassenden oder vollständigen Überblick dar und konzentriert sich in Übereinstimmung mit dem Mandat des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) in erster Linie auf die externe Dimension. Der Bericht wurde von der Abteilung für Strategische Kommunikation und Informationsanalyse des EAD verfasst, die unter anderem durch Erkennung, Analyse und Aufdeckung von Desinformationskampagnen zu den Bemühungen der EU beiträgt, Desinformationen zu bekämpfen. Bei der Bekämpfung der Desinformation und der Ermittlung und Analyse von Desinformationen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie arbeitet der EAD eng mit der Europäischen Kommission, den Dienststellen des Europäischen Parlaments und den EU-Mitgliedstaaten zusammen. Der Europäische Auswärtige Dienst arbeitet in dieser Frage auch mit internationalen Partnern (G7, NATO und der Zivilgesellschaft) zusammen. Die Ergebnisse werden regelmäßig auf EUvsDisinfo.eu und in verschiedenen sozialen Medien veröffentlicht. Die Erkenntnisse werden in Echtzeit an die EU-Institutionen und die EU-Mitgliedstaaten weitergegeben, unter anderem über das EU Rapid Alert System on Disinformation (Schnellwarnsystem für Desinformationen).

 

Zusammenfassung

  • Seit dem letzten Sonderbericht sind die mit COVID-19 im Zusammenhang stehenden Mis- und Desinformationen im Internet zurückgegangen. Der Fokus liegt inzwischen auf Impfstoffen, wie aus mehreren Analysen von Tausenden verfügbaren Faktenprüfungen seit Beginn der Pandemie hervorgeht. Die Verbreitung und Reichweite von Mis- und Desinformationen im Internet ist nach wie vor besorgniserregend hoch. Ein Mangel an Instrumenten und fehlender Zugang zu relevanten Daten erschweren der Forschung, ihre direkten Auswirkungen auf das menschliche Verhalten abzuschätzen.
  • Aufgrund der aktuellen Entwicklungen und Beobachtungen gehen wir davon aus, dass die durch COVID-19 ausgelöste Gesundheitskrise auch weiterhin weltweit zahlreiche Möglichkeiten für die Verbreitung von Mis- und Desinformationen bieten wird, welche insbesondere im Hinblick auf die Verschärfung von Schutzmaßnahmen sowie die Entwicklung und Verteilung von Impfstoffen zu erwarten sind.
  • Staatliche Akteure wie China und Russland verstärken die Wirkung der so genannten „Impfdiplomatie“ in ihren Kommunikationsbemühungen, höchstwahrscheinlich in der Absicht, ihr Ansehen und ihre wirtschaftliche Position im Ausland zu verbessern. Zur Verbreitung ihrer Botschaften nutzen sie diplomatische Kanäle, staatlich kontrollierte Medien, Netzwerke von unterstützenden und alternativen Medien, sowie soziale Medien.
  • Während in der Region Naher Osten/Nordafrika angesichts der verzögerten zweiten Infektionswelle noch keine Desinformationsnarrative im Spiel sind, nutzt das syrische Regime COVID-19 weiterhin aus, um seine politische Agenda durch wiederkehrende Desinformation über die EU-Sanktionen voranzutreiben.
  • In der EU und ihren Nachbarländern verstärken kremlfreundliche Medien weiterhin Stimmen, welche die Bedrohung durch das Virus herunterspielen und darauf abzielen, die Strategien der Regierungen zur Eindämmung der zweiten Infektionswelle zu untergraben.
  • Bewertungen, die durch den EU-Verhaltenskodex zur Bekämpfung von Desinformation gestützt werden, zeigen kontinuierliche Bemühungen von Plattformen, der Verbreitung von Mis- und Desinformationen Einhalt zu gebieten. Die Verbreitung, Rentabilität und Sichtbarkeit potenziell schädlicher Informationen ist jedoch auf allen Online-Plattformen nach wie vor hoch.
  • Die Arbeit von Faktenprüfern und professionellen, unabhängigen Medien seit Beginn der COVID-19-Pandemie ist nach wie vor unverzichtbar, um falsche, irreführende und potenziell schädliche Informationen aufzudecken und zu widerlegen. Die Veröffentlichung von Faktenprüfungen hat sich positiv auf die Verringerung von Misinformationen im Hinblick auf bestimmte Behauptungen über COVID-19 ausgewirkt[1]. Diese Tätigkeit ist von entscheidender Bedeutung, um die potenziell schädlichen Folgen abzuschwächen und die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft zu stärken.

 

Im Detail: Desinformationen, Misinformationen und sonstige Aktivitäten im Zusammenhang mit COVID-19 (Mai bis November)

In Bezug auf die laufende Debatte[2], klar umrissene Definitionen für verschiedene Arten falscher, irreführender und potenziell schädlicher Informationen festzulegen, wird dieser Bericht bewusst auf Misinformation, die „unwahre Informationen, die Einzelpersonen ohne Täuschungsabsicht verbreiten, auch wenn die Auswirkungen solcher falschen Informationen immer noch schädlich sein können“ beinhaltet, sowie auf Desinformation, die „nachweislich falsche Inhalte, die erstellt, präsentiert und verbreitet werden, um wirtschaftlichen Nutzen zu erzielen oder die Öffentlichkeit absichtlich zu täuschen und möglicherweise öffentlichen Schaden anzurichten“ beschreibt, eingehen. Diese sind oft Bestandteil von Tätigkeiten zur Informationsbeeinflussung, die sich auf koordinierte Bemühungen von inländischen oder ausländischen Akteuren beziehen, eine Zielgruppe mit einer Reihe von irreführenden Mitteln zu beeinflussen. Dazu zählt die Unterdrückung unabhängiger Informationsquellen in Kombination mit Desinformation.

Während kremlfreundliche Medien in früheren Berichtszeiträumen Zweifel an den Maßnahmen und der Solidarität der Europäischen Union als Antwort auf COVID-19 äußerten, verlagerte sich nun das vorherrschende Narrativ auf Impfstoffe. Im Laufe des Sommers sind Verschwörungstheorien wie Narrative über das Virus als Laborschöpfung oder als Instrument globalisierter Eliten, um wirtschaftliche Schäden zu verursachen, immer weiter verblasst[3]. Im Gegensatz dazu traten triumphierende Narrative[4] über den erfolgreichen russischen Impfstoff Sputnik V auf den Plan. Kremlfreundliche Medien feiern den Impfstoff Sputnik V in den verschiedenen Sprachen ihres Zielpublikums, wobei zuweilen fälschlicherweise auf große internationale Unterstützung[5] verwiesen oder der Westen beschuldigt wird, aus politischen und wirtschaftlichen Gründen[6] versucht zu haben, den Impfstoff Sputnik V zu sabotieren.

Auf mehrsprachigen, von Russland staatlich kontrollierten Medien werden westliche Impfstoffhersteller offen verspottet, unter anderem wegen der Entwicklung eines „Affenimpfstoffs“[7] (da einige Hersteller einen Virusvektor von Schimpansen verwenden). In einigen Fällen führte dies zu Verschwörungstheorien, dass der Impfstoff „Menschen in Affen verwandeln“[8] würde.

Um das inländische Publikum zu erreichen, verwenden die staatlich kontrollierten russischen Medien ähnliche Narrative wie für das ausländische Publikum: Demnach gehen China[9] und Russland mit der Pandemiesituation besser um als die EU-Mitgliedstaaten[10] oder die Ukraine und verfügen über sicherere und wirksamere Impfstoffe[11] in einem fortgeschrittenen Entwicklungsstadium, die von anderen Ländern nachgefragt werden[12].

In Europa haben die kremlfreundlichen Medien aktiv Stimmen gegen Lockdown-Maßnahmen verstärkt. In Italien verstärken kremlfreundliche Medien immer wieder lokale Stimmen[13], die die Strategie der Regierung im Umgang mit der zweiten Infektionswelle als sinnlos bezeichnen und außerdem behaupten, dass das Tragen von Masken nutzlos sei. Kremlfreundliche Medien haben die COVID-19-Beschränkungen zudem als „Ergebnis einer bizarren Psychose und kollektiven Paranoia“[14] bezeichnet. Gleichzeitig veröffentlicht Sputnik regelmäßig Neuigkeiten über den Erfolg[15] des russischen Impfstoffs. In Deutschland hat RT DE auch jenen Stimmen Gehör verschafft, die die Bedrohung durch COVID-19 hinterfragen und Tests und das Tragen von Masken anzweifeln. Ein RT-Video[16], das ein Interview mit einem deutschen Arzt zeigt, der solche Ansichten äußert, wurde über eine Million Mal angesehen. Es besteht die Gefahr, dass die mit COVID-19 in Zusammenhang stehende Desinformation zunimmt, nun da in Europa neue Lockdown-Maßnahmen anstehen.

Das Australian Strategic Policy Institute (ASPI) dokumentierte[17] den strategischen Einsatz und die schnelle, internationale Verbreitung von Desinformationen während der Pandemie. Ein vollständig erfundener Bericht über tödliche US-Impfstoffversuche gegen COVID-19 wurde über die Website der so genannten „Luhansker Volksrepublik“ in den nicht von der Regierung kontrollierten Gebieten der Ukraine verbreitet und „erreichte eine weitläufige Verbreitung in mehreren Sprachen und über mehrere Gemeinschaften hinweg“ von den USA bis nach Australien – trotz Faktenprüfungen durch mehrere Organisationen in ganz Europa. Die Pressemitteilung wurde am Tag nach der Ankündigung Russlands veröffentlicht, innerhalb weniger Wochen einen eigenen Impfstoff in Massenproduktion herzustellen[18].

Seit dem letzten Berichtszeitraum (23. April bis 18. Mai) wurden über 100 neue Fälle kremlfreundlicher Desinformationen über COVID-19 in die Datenbank von EUvsDisinfo aufgenommen. Artikel, die diese Beispiele für Desinformation enthalten, wurden in den sozialen Medien über 230 000 Mal mit „Gefällt mir“ markiert, geteilt oder kommentiert. Seit dem Ausbruch der Pandemie hat EUvsDisinfo über 640 Beispiele kremlfreundlicher Desinformationen im Zusammenhang mit COVID-19 gesammelt. Unseren Erkenntnissen zufolge ist der Umfang der kremlfreundlichen Desinformation im Zusammenhang mit der Pandemie derzeit im Vergleich zum Frühjahr geringer (wahrscheinlich aufgrund anderer Ereignisse, die einen fruchtbaren Boden für Desinformationskampagnen bieten, darunter u. a. die Vergiftung Nawalnys und die Proteste in Belarus).

Eine Analyse von mehr als 9 000 Faktenüberprüfungen durch das International Fact Checking Network (IFCN) unterstrich des weiteren, dass falsche Behauptungen, Desinformationen und Verschwörungen in Umfang und Fokussiering den Informationsbedürfnissen der Nutzer folgen[19]. First Draft erklärte diesen Trend mit Informationslücken („Datendefizite“[20]), bei denen eine hohe Nachfrage nach Informationen nur auf ein geringes Angebot an verfügbaren zuverlässigen Informationen trifft. Insgesamt bieten die Daten von Google Trends Indikatoren dafür, dass das öffentliche Online-Interesse an Informationen über COVID-19 im Vergleich zum Beginn der Pandemie wesentlich geringer zu sein scheint.[21]

Da die Region Naher Osten und Nordafrika (engl. MENA) im Vergleich zu Europa eine möglicherweise verzögerte zweite Infektionswelle erlebt, ist davon auszugehen, dass ein ähnlich verzögertes Wiederaufleben der Desinformation und gegebenenfalls eine Prävalenz von Desinformationsnarrativen zu Impfstoffen zu erwarten ist.

Das syrische Regime setzt COVID-19 weiterhin dazu ein, seine politischen Ziele voranzubringen. Im Einklang mit einem ständig wiederkehrenden Narrativ beschuldigte der Vertreter des Regimes bei den Vereinten Nationen die EU und die USA, durch ihre Sanktionen angeblich die COVID-19-relevante medizinische Hilfe für die Menschen in Syrien sowie den Wiederaufbauprozess und die Rückkehr von Flüchtlingen behindert zu haben.[22]

Seit Mitte März kursiert im Medienumfeld des westlichen Balkans eine Vielzahl falscher Informationen und irreführender Narrative über COVID-19. Unabhängige Faktenprüfer vor Ort bestätigten eine Vielzahl an Fällen von Misinformationen, unter anderem in Bezug auf Impfstoffe und die Gesundheitsberatung. Viele von ihnen enthielten ein unterstützendes Narrativ, das sich auf Kinder und die Notwendigkeit, sie zu schützen, konzentrierte und sich an ein Familienpublikum richtete.[23] In der gesamten Region fanden Behauptungen, COVID-19 sei ein „Betrug“ und Gesichtsmasken seien „schädlich“, auf Plattformen wie Facebook großen Anklang, oft in Form von pauschalen Aussagen auf der Grundlage „verzerrter“ statistischer Daten.[24] Organisationen zur Faktenprüfung[25] und zum Teil traditionelle Nachrichtenkanäle[26] unternahmen Anstrengungen, diese Behauptungen zu widerlegen.

Seit dem Frühjahr 2020 hat die Gemeinschaft der Faktenprüfer in der Türkei ihre Bemühungen[27] verstärkt, Misinformationen im Zusammenhang mit COVID-19 zu widerlegen. Im Herbst war die Zahl der Aufdeckungen in Bezug auf COVID-19 geringer. In dieser Zeit wurden Behauptungen über die Wirkungslosigkeit oder das Risiko[28] des Tragens von Masken, verschiedene „natürliche Methoden“, COVID-19 zu verhindern oder zu erkennen[29], und einige Verschwörungsnarrative (wie Masken, die Tracking-Chips enthalten[30]) bereits entlarvt. Gelegentlich wurden hier Behauptungen im Zusammenhang mit Impfstoffen widerlegt.

Seit Beginn des Ausbruchs hat die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) die Pandemie benutzt, um ihr Image im Ausland positiv zu beeinflussen, indem sie einerseits ihre Bemühungen zur Bekämpfung von COVID-19 hervorhebt und andererseits jegliche Kritik daran angreift und in Zweifel[31] zieht. In staatlich kontrollierten Medien[32] tauchen im November 2020[33] noch immer Behauptungen auf, dass das Virus nicht aus China stammte. Zudem wurde hervorgehoben, dass neue Fälle „eingeschleppt“[34] worden waren.

Im Allgemeinen wird offenbar eine zweigleisige Kommunikationsstrategie verfolgt: anderen die Schuld zu geben[35] und die eigenen Erfolge hervorzuheben.

Der gegenwärtige Trend kennzeichnet die Fortsetzung der „Maskendiplomatie“, die sich nun auf Impfstoffe konzentriert und entsprechend als „Impfdiplomatie“[36] bezeichnet wird. Chinas „Impfdiplomatie“ ist weit fortgeschritten und wird in staatlich kontrollierten Medien fortgesetzt: China verspricht Entwicklungsländern in Asien[37], Afrika[38] und Lateinamerika[39] bevorzugten Zugang zu seinen COVID-19-Impfstoffen[40]. Nach groß angelegten Umfragen des Pew Research Center[41] und des YouGov-Cambridge Globalism Project[42] (in der KPCh-eigenen Global Times als „Illustration der westlichen Gehirnwäsche“[43] bezeichnet) hat Chinas Image im Ausland unter dem Umgang mit der COVID-19-Krise gelitten, und die „Impfdiplomatie“ wird als eine Möglichkeit zur Stärkung der diplomatischen Beziehungen[44] angesehen.

Chinesische Medien und Funktionäre haben auf Twitter den Umgang der USA mit der Krise[45] und ihren Rückzug aus multilateralen Initiativen[46] kritisiert und gleichzeitig das chinesische Engagement im System der Vereinten Nationen bekräftigt. Zugleich haben einige Medien und Funktionäre die Fortschritte der USA in Bezug auf Impfstoffe[47] zurückgewiesen und sie beschuldigt, einen „neuen Kalten Krieg“[48] zu führen. Chinesische Funktionäre haben auch öffentlich[49] die Forderung Australiens nach einer unabhängigen Untersuchung zur Herkunft des Virus als Erklärung für die angespannten Beziehungen zwischen den beiden Ländern herangezogen. Der Handel Australiens mit China wurde dadurch beeinträchtigt[50].

Narrative, die von den staatlich kontrollierten chinesischen Medien, aber auch von chinesischen Funktionären insbesondere auf Twitter[51] geteilt wurden, unterstreichen Chinas Reaktion auf COVID-19 als ein festes Bekenntnis zum Multilateralismus. Nationale Erfolgsgeschichten über schnelle und großangelegte Tests (wie in Qingdao[52] und Kashgar[53]), die Wiedereröffnung[54] des Landes und der Wirtschaft[55] werden im Ausland hervorgehoben. In offiziellen diplomatischen Kanälen wird das Engagement Chinas für COVAX[56] als Zeichen der gegenseitigen Unterstützung genannt, welche auch die Zusammenarbeit z.B. mit Finnland[57], Marokko[58] und anderen afrikanischen Ländern[59] rechtfertigt. Extern ist die Hervorhebung des Multilateralismus mit Zielen wie dem Aufbau einer „globalen Gesundheitsgemeinschaft“[60] verbunden und Chinas sich erholende Wirtschaft wird als außergewöhnlich und vorteilhaft[61] für die Welt nach der Pandemie dargestellt.

 

Social-Media-Plattformen

Die jüngste Bewertung der Europäischen Kommission zu den Berichten[62], die von den Unterzeichnern des EU-Verhaltenskodex zur Bekämpfung von Desinformation vorgelegt wurden und in denen die Maßnahmen zur Begrenzung der Desinformation über COVID-19 auf den jeweiligen Plattformen der Unterzeichner hervorgehoben werden, stellt die Bemühungen zur Bekämpfung der Desinformation im Zusammenhang mit COVID-19 vor. Die Maßnahmen der Unterzeichner reichen von der Unterstützung zuverlässiger Informationsquellen über die Beschränkung der Verbreitung von Inhalten, die falsche oder irreführende Informationen enthalten, sowie die Zusammenarbeit mit Faktenprüfern bis hin zur Überarbeitung der Vorschriften für Online-Werbung. Die Plattformen richteten auch eigens dafür vorgesehene Portale ein, um die Nutzer über Maßnahmen zu ihrem besseren Schutz während der Pandemie auf dem Laufenden zu halten[63].

Trotz dieser kontinuierlichen Bemühungen hat die wissenschaftliche Forschung nachgewiesen, dass Mis- und Desinformationen im Internet weiterhin florieren. Das Oxford Internet Institute fand und analysierte über 8 000 auf COVID-19 bezogene Videos, die Misinformationen und Verschwörungstheorien enthielten, die „fast 20 Millionen Mal über soziale Medien verbreitet wurden, was mehr ist, als die von den fünf größten englischsprachigen Nachrichtenquellen auf YouTube gemeinsam gesammelten Anteile“.[64] Eine im Nature Magazine veröffentlichte Studie zeigt auf, dass die Situation auf weniger konformen und neu aufkommenden Social-Media-Plattformen noch schlimmer sein könnte.[65]

In derselben Studie wird betont, dass der plattformübergreifende Verkehr die Maßnahmen der einzelnen Plattformen untergräbt, was auf die Notwendigkeit einer engeren Zusammenarbeit hindeutet, um die Verbreitung und Ausbreitung von potenziell schädlichem Material wirksam einzudämmen. Die Notwendigkeit eines besseren Zugangs zu Plattformdaten zur Abschätzung von Auswirkungen, Verbreitung und Trends von Misinformationen bleibt trotz datenschutzkonformer Vorschläge wie der Schaffung eines „Google Trends“ für Social-Media-Plattformen weitgehend unbeachtet[66].

Eine Studie[67] der gemeinnützigen Organisation Avaaz vom August 2020 schätzt, dass „globale Netzwerke zur Verbreitung von Misinformationen im Gesundheitsbereich, die mindestens fünf Länder erreichen, im letzten Jahr schätzungsweise 3,8 Milliarden Aufrufe auf Facebook generiert haben.“ Der Höhepunkt lag im April 2020: „Websites, die Misinformationen in Gesundheitsfragen verbreiten und im Mittelpunkt der Netzwerke stehen, wurden auf Facebook bis zu 460 Millionen Mal aufgerufen.“ Avaaz kam zu dem Schluss, dass Facebook „es versäumt, die Menschen während der Pandemie zu schützen und mit zuverlässigen Informationen zu versorgen“, obwohl die Plattform „allen Nutzern, die Misinformationen gesehen haben, unabhängige, durch Faktenprüfer überprüfte Korrekturen zur Verfügung stellen“ und die Misinformationen in den Nachrichten-Feeds der Nutzer systematisch herabstufen könnte, um das Problem zu beheben.

Eine Untersuchung[68] des Unternehmens zur Risikoabschätzung CounterAction ergab, dass über zwei Millionen Menschen aus Deutschland Mitglieder von Facebook-Gruppen sind, in denen Mis- und Desinformationen im Zusammenhang mit COVID-19 zirkulieren und verbreitet werden. Laut den Untersuchungsergebnissen enthält die Hälfte der analysierten Beiträge Sprache, die Menschen zu schädlichem Verhalten anstachelt, vor allem was den Impfstoff betrifft. Die Daten zeigten, dass sich die Auseinandersetzung mit Misinformationen nicht auf politische Randbereiche beschränkt, sondern sich über Parteizugehörigkeit und Geographie hinweg erstreckt.

Wirtschaftliche Anreize sind eine wichtige Triebfeder für die Verbreitung von Mis- und Desinformationen und bleiben ein wesentlicher Grund dafür. Die in Brüssel ansässige Nichtregierungsorganisation EU Disinfo Lab fand[69] heraus, dass „Desinformation oder Verschwörungsnarrative auf Crowdfunding-Plattformen sowohl indirekt als auch direkt zu Geld gemacht werden können“ und dass dies gelingt, obwohl „einige Crowdfunding-Plattformen gegen Fälle vorgegangen sind, in denen im Zusammenhang mit COVID-19 Desinformation und Betrug stattfanden. […] Diese Maßnahmen sind jedoch offensichtlich inkohärent und werden nicht regelmäßig durchgesetzt.“ Diese Monetarisierungsflüsse setzten sich auch dann fort, wenn der fragliche Inhalt auf anderen Social-Media-Plattformen wie Facebook und YouTube entwertet oder entfernt wurde.

Der Global Desinformation Index (GDI) stellte fest[70], dass über ein Drittel (etwa 200) der englischsprachigen Webseiten, die große Umfänge an entzweienden und polarisierenden Inhalten u. a. in Bezug auf COVID-19 veröffentlichen, Werbung enthalten, die diesen Webseiten ein monatliches Einkommen von schätzungsweise 350 000 US-Dollar beschert. „Google, als Marktführer, ist die am häufigsten auf diesen Seiten mit den schlimmsten Vergehen vorgefundene Anzeigenbörse.“ Kurzfristig schlägt der GDI den Werbetreibenden vor, verfügbare Informationen über die am stärksten irreführenden Webseiten zu nutzen, um die Überschneidung ihrer Online-Marketing-Praktiken mit ihrer Markenidentität zu bewerten und im Falle einer Nichtübereinstimmung ihre Anzeigen gezielt anzupassen.

Task Forces für strategische Kommunikation und Informationsanalyse des EAD

 

 

[1] https://www.heros-project.eu/wp-content/uploads/Assessment-of-the-online-spread-of-coronavirus-misinformation.pdf

[2] https://carnegieendowment.org/2020/09/24/eu-s-role-in-fighting-disinformation-crafting-disinformation-framework-pub-82720

[3] https://euvsdisinfo.eu/de/ead-sonderbericht-update-kurzbewertung-der-narrative-und-desinformation-zur-covid-19-pandemie-aktualisierung-23-april-bis-18-mai/

[4] See for example: https://euvsdisinfo.eu/report/no-one-is-queuing-up-for-the-american-coronavirus-vaccine-while-the-russian-one-has-dozens-of-orders/

[5] https://euvsdisinfo.eu/report/who-said-russian-vaccine-against-coronavirus-is-safe-and-efficient/

[6] For example, an article accusing “Big Politics” of trying to discredit the Russian vaccine, which was an unpleasant surprise for the West politically and economically, appeared in multiple language editions of “Sputnik”: Sputnik Armenia; Sputnik Moldova: Sputnik Arabic; Sputnik Greece; Sputnik Spanish.

[7] https://euvsdisinfo.eu/de/sechs-echte-sandwuermer-und-falsche-affenimpfstoffe/

[8] https://www.thetimes.co.uk/article/russians-spread-fake-news-over-oxford-coronavirus-vaccine-2nzpk8vrq

[9] https://www.youtube.com/watch?v=vYLNT7Mvgws

[10] https://www.1tv.ru/shows/vremya-pokazhet/vypuski/vremya-pokazhet-vypusk-ot-21-10-2020

[11] https://tass.com/world/1204351

[12] https://radiosputnik.ria.ru/20201105/vaktsina-1583280402.html

[13] https://it.sputniknews.com/intervista/202010309716974-covid-virologo-tarro-a-sputnik-insensate-le-misure-restrittive-del-dpcm/

[14] https://euvsdisinfo.eu/report/covid-19-restrictions-are-absurd-they-are-the-result-of-a-bizarre-psychosis-and-of-collective-paranoia/

[15] https://it.sputniknews.com/mondo/202009109517919-due-dosi-del-vaccino-russo-anti-covid-sputnik-v-generano-risposta-immunitaria-al-100-dei-casi/

[16] https://euvsdisinfo.eu/report/covid-is-not-a-killer-virus-wearing-masks-and-testing-has-no-sense-at-all/

[17] https://s3-ap-southeast-2.amazonaws.com/ad-aspi/2020-08/Pro%20Russian%20vaccine%20politics.pdf?vMuk2m7DlWP_GG25A86MqWZ_bg_jxlXL

[18] Ibid.

[19] https://www.poynter.org/coronavirusfactsalliance/

[20] https://firstdraftnews.org/long-form-article/data-deficits/

[21]https://trends.google.com/trends/explore?q=covid,coronavirus,corona,%D0%BA%D0%BE%D1%80%D0%BE%D0%BD%D0%B0%D0%B2%D0%B8%D1%80%D1%83%D1%81,%D9%81%D9%8A%D8%B1%D9%88%D8%B3%20%D9%83%D9%88%D8%B1%D9%88%D9%86%D8%A7

[22] http://sana.sy/en/?p=207752

[23] Most of these false claims were or had previously been debunked by fact-checkers. See: harmfulness of face masks, dangers of vaccine (also here), forced vaccination, 5G links (also here).

[24] As shown in this debunking piece.

[25] https://www.istinomer.rs/facebook-provere/maske-nisu-beskorisne-bez-obzira-na-nestorovica/

[26] https://www.reporter.al/si-u-bene-virale-lajmet-e-rreme-per-pandemine-e-covid-19-ne-shqiperi/

[27] https://www.poynter.org/reporting-editing/2020/how-covid-19-made-teyit-rethink-their-fact-checking-for-the-small-screen/

[28] https://www.malumatfurus.org/maske-oksijen-seviyesi/

[29] https://www.malumatfurus.org/koronavirus-nefes-tutma-testi/

[30] https://www.malumatfurus.org/cipli-maske-video/

[31] https://www.globaltimes.cn/content/1207806.shtml

[32] https://www.ft.com/content/edda14d0-145b-42e4-a1d2-4d64ab73bda1; https://www.facebook.com/188625661189259/posts/3842171625834626/; https://www.globaltimes.cn/content/1207957.shtml

[33] https://www.chinadaily.com.cn/a/202010/29/WS5f9a452ea31024ad0ba81dee.html; https://news.cgtn.com/news/2020-11-10/Expert-Spotting-COVID-19-first-doesn-t-make-China-origin-of-virus-VjaqEE3Mre/index.html

[34] Examples: http://www.xinhuanet.com/english/2020-11/04/c_139489715.htm; https://www.globaltimes.cn/content/1204867.shtml und http://www.xinhuanet.com/english/2020-11/02/c_139484568.htm

[35] https://www.chinadaily.com.cn/a/202011/05/WS5fa3e92ca31024ad0ba83601.html

[36] https://merics.org/en/short-analysis/chinas-vaccine-diplomacy-partnering-trials-least-16-countries-worldwide

[37] https://thediplomat.com/2020/11/chinas-southeast-asian-vaccine-diplomacy-comes-into-relief/

[38] https://thediplomat.com/2020/11/chinas-multifaceted-covid-19-diplomacy-across-africa/

[39] https://newsus.cgtn.com/news/2020-08-01/China-provides-Latin-America-access-to-Chinese-COVID-19-vaccine–SAcRgWSZO0/index.html

[40] https://www.ft.com/content/ce9a4c98-49b5-4c24-9ff2-ed1c6a3f3412

[41] https://www.pewresearch.org/global/2020/10/06/unfavorable-views-of-china-reach-historic-highs-in-many-countries/

[42] https://www.theguardian.com/world/2020/oct/27/china-loses-trust-internationally-over-coronavirus-handling

[43] https://www.globaltimes.cn/content/1205053.shtml

[44] https://www.nytimes.com/2020/09/11/business/china-vaccine-diplomacy.html

[45] https://global.chinadaily.com.cn/a/202010/11/WS5f82f6d7a31024ad0ba7df06.html

[46] https://www.globaltimes.cn/content/1199704.shtml

[47] http://global.chinadaily.com.cn/a/202010/21/WS5f904a77a31024ad0ba801e4.html

[48] https://www.chinadailyasia.com/article/147247 but also https://www.globaltimes.cn/content/1196407.shtml and https://twitter.com/SpokespersonCHN/status/1310958021892354054

[49] https://www.smh.com.au/world/asia/if-you-make-china-the-enemy-china-will-be-the-enemy-beijing-s-fresh-threat-to-australia-20201118-p56fqs.html

[50] https://chinadigitaltimes.net/2020/11/beijing-resists-pressure-to-investigate-origins-of-covid-19/

[51] https://mapinfluence.eu/wp-content/uploads/2020/08/Mapinfluence_BRIEFING-PAPER_chinas-propaganda_A4_interaktivni_EN_01-1.pdf

[52] https://news.cgtn.com/news/7a6b444d34514464776c6d636a4e6e62684a4856/index.html

[53] https://news.cgtn.com/news/2020-10-27/Kashgar-Prefecture-completes-COVID-19-tests-for-all-residents-UVTnDGk1DG/index.html

[54] https://www.globaltimes.cn/content/1199358.shtml

[55] http://www.chinadailyglobal.com/a/202007/17/WS5f1161ffa31083481725a577.html

[56] https://news.cgtn.com/news/2020-10-09/China-officially-joins-COVAX-vaccine-facility-Url8WVbWHS/index.html; http://global.chinadaily.com.cn/a/202010/26/WS5f9609c6a31024ad0ba80c67.html

[57] https://www.fmprc.gov.cn/mfa_eng/wjdt_665385/wshd_665389/t1828463.shtml

[58] https://www.fmprc.gov.cn/mfa_eng/wjdt_665385/wshd_665389/t1826584.shtml

[59] https://www.fmprc.gov.cn/mfa_eng/wjdt_665385/wshd_665389/t1825067.shtml

[60] http://global.chinadaily.com.cn/a/202010/26/WS5f9609c6a31024ad0ba80c67.html

[61] Examples: http://french.china.org.cn/foreign/txt/2020-11/02/content_76865954.htm http://global.chinadaily.com.cn/a/202011/03/WS5fa1448ca31024ad0ba82db4.html

[62] https://ec.europa.eu/digital-single-market/en/news/third-set-reports-fighting-covid-19-disinformation-monitoring-programme

[63] For example by Facebook, Twitter, TikTok, Microsoft or Google

[64] https://comprop.oii.ox.ac.uk/wp-content/uploads/sites/93/2020/09/YouTube-misinfo-memo.pdf

[65] https://www.nature.com/articles/s41598-020-73510-5

[66] https://firstdraftnews.org/latest/data-voids-google-trends-for-facebook-instagram-twitter-tiktok-and-reddit/

[67] https://secure.avaaz.org/campaign/en/facebook_threat_health/

[68] https://www.bild.de/bild-plus/politik/inland/politik-inland/holocaust-impfstoff-die-schlimme-hetze-der-corona-leugner-bei-facebook-74010512

[69] https://www.disinfo.eu/publications/how-covid-19-conspiracists-and-extremists-use-crowdfunding-platforms-to-fund-their-activities

[70] https://disinformationindex.org/2020/10/how-can-advertisers-disrupt-disinformation-dont-fund-it/