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Höhepunkte der Desinformationsforschung 2022

Dezember 31, 2022

Es wäre eine Untertreibung, wenn wir behaupten würden, dass im Jahr 2022 viel passiert ist. Über allem schwebt wie eine dunkle Wolke der ebenso ungerechtfertigte wie grundlose Krieg Russlands gegen die Ukraine. Um dem Jahr einen Sinn zu geben, haben viele Medien Jahresrückblicke, Best-ofs und sogenannte „Listicles“ erstellt. Genau wie wir. Dieser Beitrag gibt Ihnen einen kurzen Überblick über den Stand der akademischen Forschung zu allem, was mit Informationsmanipulation, einschließlich Desinformation, zu tun hat.

Wenn wir die schiere Menge an akademischer Forschung betrachten, die das Schlüsselwort „Desinformation“ enthält, einen der populäreren Begriffe, die in diesen Diskussionen verwendet werden, dann scheinen wir einen Höhepunkt überschritten zu haben. Vor fünf Jahren, im Jahr 2017, gab es laut Google Scholar, der weltweit größten Datenbank für akademische Schriften, nicht mehr als 5.490 Artikel, die sich auf Desinformation bezogen. Bis 2020 wuchs diese Zahl auf 16.500 und erreichte 2021 mit 23.200 einen beeindruckenden Höchststand. Das sind fast drei akademische Veröffentlichungen pro Stunde, und zwar das ganze Jahr lang. In diesem Jahr haben wir bisher etwa 17.800 Forschungsarbeiten zu diesem Thema gesehen.

Hier finden Sie eine Auswahl von Forschungsergebnissen, die im Jahr 2022 im Zusammenhang mit Desinformation veröffentlicht wurden. Diese Liste ist weder umfassend noch ein repräsentativer Überblick über alle durchgeführten Untersuchungen. Es handelt sich vielmehr um unsere Zusammenstellung einiger Erkenntnisse, die wir für interessant und nützlich hielten.

Funktioniert die Informationsmanipulation überhaupt?

Fairerweise muss man sagen, dass die Desinformation irgendwann zu viel wurde. Journalisten, Think-Tanks, Analysten, politische Entscheidungsträger, Politiker – alle wollten dabei sein. Die Aufmerksamkeit auf Probleme zu lenken ist gut. Ein oberflächlicher Hype um sie jedoch weniger. Aber trotz des aufkommenden Hypes ist Desinformation ein Thema, das nicht verschwinden wird.

Denn auch nach den vielen Diskussionen, Analysen, Artikeln und Grundsatzreden sind nicht alle davon überzeugt, dass Desinformation in der realen Welt negative Auswirkungen hat. Ein Blick auf die akademische Forschung zu diesem speziellen Aspekt der Desinformation zeigt, dass es davon erstaunlich wenig gibt. Obgleich es schwierig ist, die genauen Auswirkungen der Informationsmanipulation auf unsere Gesellschaft und auf uns als Individuen zu bestimmen, so ist es doch nicht unmöglich.

Auch wenn die Forschung über die Auswirkungen von Desinformation keineswegs schlüssig ist, können einige Merkmale den Erfolg einer Informationsmanipulation wahrscheinlicher machen. In einer Literaturübersicht für die Schwedische Universität für Verteidigung hat Claes Wallenius vier davon beschrieben. Erstens wird die manipulative Absicht des Absenders verborgen. Zweitens wird die antagonistische Absicht des Absenders verborgen. Drittens ist die Nachricht nicht zu weit von der aktuellen Sicht des Empfängers entfernt. Und schließlich ist die Botschaft eher emotional als rational aufgebaut. Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, dann liegt das daran, dass Russland die meisten dieser Karten schon seit Jahren ausspielt.

Ein Thema, das in Diskussionen über ausländische Informationsmanipulationen sehr häufig angesprochen wird, ist die Einmischung in Wahlen. Eine Gruppe von Wissenschaftlern italienischer, finnischer und amerikanischer Universitäten untersuchte die Auswirkungen irreführender Informationen auf die Stimmabgabe für populistische Parteien bei den italienischen Wahlen von 2018. Sie fanden heraus, dass die Exposition gegenüber irreführenden Informationen populistische Parteien begünstigt, unabhängig von der vorherigen Unterstützung für sie, aber auch, dass diese Tatsache allein nicht den größten Teil des Wachstums des Populismus erklären kann.

Wir bilden uns alles nur ein

Die Aufnahme von Fehl- und Desinformationen ist mit der Funktionsweise unseres Verstands verflochten. Umfangreiche Forschungsarbeiten über die psychologischen Aspekte der Informationsmanipulation erklären die Ursache.

In einem Artikel für Nature Review Psychology untersuchten Ullrich K. H. Ecker et al. die kognitiven, sozialen und affektiven Faktoren, die Menschen dazu bringen, desinformierte Ansichten zu bilden oder sogar zu unterstützen. Ironischerweise entstehen falsche Überzeugungen im Allgemeinen durch dieselben Mechanismen, die auch richtige Überzeugungen begründen. Es ist eine Mischung aus kognitiven Faktoren wie intuitivem Denken und sozio-affektiven Faktoren. Bei der Entscheidung, was wahr ist, sind Menschen oft voreingenommen und glauben an die Gültigkeit von Informationen und vertrauen ihrer Intuition, anstatt zu überlegen. Außerdem erhöht die Wiederholung den Glauben sowohl an irreführende Informationen als auch an Fakten.

Ecker, U.K.H., Lewandowsky, S., Cook, J. et al. (2022). The psychological drivers of misinformation belief and its resistance to correction. [dt.: Die psychologischen Faktoren für den Glauben an Desinformation und ihre Widerstandsfähigkeit gegen Korrekturen.]

Álex Escolà-Gascón et al. gingen noch einen Schritt weiter und untersuchten die psychopathologischen Profile, die Menschen kennzeichnen, die anfällig für den Konsum irreführender Informationen sind. Nachdem sie eine Reihe von Tests mit mehr als 1.400 Probanden durchgeführt hatten, kamen sie zu dem Schluss, dass Menschen mit hohen Werten bei Schizotypie (ein Zustand, der der Schizophreniegar nicht so unähnlich ist), Paranoia und Histrionismus (besser bekannt als dramatische Persönlichkeitsstörung) anfälliger für die negativen Auswirkungen irreführender Informationen sind. Menschen, die irreführende Informationen nicht erkennen, sind auch eher ängstlich, beeinflussbar und anfällig für starke Emotionen.

Selbst wenn Menschen irreführende Informationen im Internet erkennen, neigen viele leider dazu, untätig zu bleiben, anstatt sie zu hinterfragen. Selin Gurgun et al haben sich auf die Suche nach den Gründen gemacht. Um es kurz zu machen: Es gibt viele mögliche Gründe für das Online-Schweigen gegenüber irreführenden Informationen; diese fallen unter eine der sechs folgenden Kategorien: selbstorientierte, beziehungsorientierte, fremdorientierte, inhaltsorientierte, individuelle Merkmale und technische Faktoren.

Gurgun, S., Arden-Close, E., Phalp, K. T., & Ali, R. (2023). Online silence: why do people not challenge others when posting misinformation? [dt.: Online-Schweigen: Warum hinterfragen die Menschen nicht die anderen, wenn sie Fehlinformationen veröffentlichen?]

Schlimmer noch, manche Menschen scheinen nicht nur irreführenden Informationen zu glauben, sondern sogar irreführende Informationen stillschweigend hinzunehmen, die sie nicht glauben. In einem Beitrag für Current Opinion in Psychology haben Daniel A. Effron und Beth A. Helgason die Forschung zu drei psychologischen Faktoren untersucht, die Menschen dazu bringen, Fehlinformationen zu akzeptieren: Parteilichkeit, Imagination und Wiederholung. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Parteilichkeit die moralischen Standards senken kann, dass Imagination und Parteilichkeit beide die breitere Bedeutung der Unwahrheit wahr erscheinen lassen können und dass Wiederholung die negativen Reaktionen der Menschen auf Unwahrheiten abschwächen kann.

Auf der Suche nach Lösungen – vom Debunking zum Prebunking

Doch glücklicherweise ist nicht alles düster und trübe. Desinformation ist zwar nicht zum Lachen, aber Humor kann eine wirksame Antwort darauf sein. Mark Boukes und Michael Hameleers haben ein Experiment durchgeführt, um die Wirkung von normalen Faktenchecks mit der von Satiren zu vergleichen. Sie fanden heraus, dass beide Formate der Faktenchecks – sachlich und satirisch – gleichermaßen wirksam waren, um die Zustimmung zu falschen Informationen und deren wahrgenommene Glaubwürdigkeit zu verringern. Ein herkömmlicher Faktencheck war besonders effektiv bei Personen, die den geprüften Informationen zustimmten, während der satirische Faktencheck in allen Bereichen gleich effektiv war.

Trotz ihrer Nützlichkeit unterliegen der Faktencheck und das Debunking, also die Entlarvung, einigen grundlegenden Einschränkungen. Eine davon ist, dass die Entlarvung eine Reaktion auf etwas ist, das bereits geschehen ist. Mit anderen Worten: Wir sind dem Gegner immer einen Schritt hinterher. Eine weitere Einschränkung ist die Schwierigkeit für Faktenchecker, dieselbe Zielgruppe zu erreichen, auf die die böswilligen Akteure abzielen. Als Reaktion darauf suchen Forscher jetzt nach Möglichkeiten, die Menschen zu erreichen, bevor sie irreführende Informationen erhalten.

Ein solcher Ansatz ist das Prebunking, die psychologische Schutzimpfung. Die renommierten Akademiker Jon Roozenbeek, Sander van der Linden und andere haben die Theorie auf den Prüfstand gestellt. Auf der Grundlage der Ergebnisse von sieben Studien mit fast 30.000 Teilnehmern kamen die Autoren zu dem Schluss, dass sogenannte Schutzimpfungsvideos dazu beitragen können, die psychologische Widerstandsfähigkeit gegen gängige Manipulationstechniken aufzubauen. Das schließt die Verwendung einer übermäßig emotionalen Sprache, Inkohärenz, falsche Dichotomien, Sündenbock-Denken und persönliche Angriffe ein. Mehr noch, sie haben herausgefunden, dass diese Videos nicht nur in einer Laborumgebung, sondern auch auf einer realen Video-Sharing-Plattform wirksam sind und daher problemlos in großem Umfang eingesetzt werden können.

Was als nächstes kommt

Wenn Sie sich genauso sehr wie wir für die Forschung im Bereich der Informationsmanipulation interessieren, sollten Sie unsere Twitter-Seite Twitter-Seiteim Auge behalten, auf der wir (fast) jeden Sonntag eine neue aktuelle Studie vorstellen. Aber das ist noch nicht alles. Wir überarbeiten derzeit komplett den Bereich Studien & Berichte auf unserer Website. In den nächsten Monaten wird es Neuigkeiten zu diesem Projekt geben. Bis dahin: Genießen Sie die letzten Momente des Jahres 2022 und haben Sie ein tolles Jahr 2023!