„Beim guten Marketing geht es nicht mehr um die Dinge, die man herstellt, sondern um die Geschichten, die man erzählt“, sagen die Marketing-Gurus und die kremlfreundlichen Medien nehmen diesen Leitsatz ernst. Die Anpreisung des Sputnik-V-Impfstoffs auf den globalen Märkten läuft auf Hochtouren, wobei vor allem das spanischsprachige Publikum in Lateinamerika anvisiert wird.

Anders als im Frühling, als die spanischen Ausgaben der kremlfreundlichen Medien Verschwörungstheorien in Umlauf brauchten, die NATO nutze das Coronavirus, um im Pazifik zu expandieren und Chinas Einfluss einzudämmen, und Washington versuche, die Rolle von US-Laboren beim Coronavirus-Ausbruch zu vertuschen, lautet nun ihr Ziel, für den in Russland hergestellten Impfstoff eine wohlwollende Aufnahmebereitschaft zu erzeugen.

Indem sie auf das lateinamerikanische Publikum abzielen, verfolgen kremlfreundliche Kanäle einen disziplinierten Ansatz, um ein günstiges Framing für das Informationsumfeld zu schaffen: Auf eine intensive Berichterstattung über die weltweit steigenden COVID-19-Infektionsraten folgt eine Dauerbeschallung über die Erfolge des Sputnik-V-Impfstoffs und die Misserfolge anderer Impfstoffhersteller. Gleichzeitig werden jegliche Fragen über die Sicherheit des russischen Impfstoffs als antirussische Voreingenommenheit abgetan.

Herzen für Sputnik V in den sozialen Medien

Bis Ende November[1] veröffentlichten spanischsprachige kremlfreundliche Medien mehr als 440 Artikel über den in Russland hergestellten Impfstoff Sputnik V.[2] Die Folgen zeigen sich am deutlichsten in den sozialen Medien, wo Artikel von RT und Sputnik, die Sputnik V erwähnten, mehr als 3,4 Millionen Reaktionen erhielten. Dabei wurde auf Facebook am häufigsten (zu 60 %) mit dem Herzsymbol, also mit „Liebe“, reagiert. Zum Vergleich: Das Herzsymbol machte nur 20 % der Reaktionen auf Facebook aus, wenn man alle spanischen Artikel berücksichtigt, die RT und Sputnik seit August veröffentlicht haben.

Es ist vielleicht zu erwarten, dass Nutzerinnen und Nutzer der sozialen Medien die Aussicht auf einen Impfstoff „lieben“, aber auch Inhalte, die nicht gerade kuschelig-warme Gefühle erzeugen, erregten Aufmerksamkeit. So wurde beispielsweise ein Artikel von Sputnik Mundo, in dem behauptet wurde, die Weltgesundheitsorganisation und Microsoft sabotierten den russischen Impfstoff, auf Facebook mit mehr als 45 000 Reaktionen versehen. Eine andere Story machte sich die globalisierungsfeindliche Stimmung zunutze und behauptete, der russische Impfstoff ruiniere dem „Big Pharma“ das Geschäft. Dadurch wurde Sputnik V als humanitärer Impfstoff dargestellt, der der Menschheit wieder Hoffnung bringe, ganz anders als die Produkte der westlichen Pharmaunternehmen, die vermeintlich nur aus Profitgründen hergestellt würden. Der Artikel erntete mehr als 160 000 Reaktionen, fast 80 % davon waren Herzsymbole.

Dass sich die kremlfreundlichen Medien in den sozialen Medien an das spanischsprachige Publikum richten, ist eine zielgerichtete Strategie. Den spanischen Profilen von RT und Sputnik in den sozialen Medien folgen mehr als 26 Millionen Nutzerinnen und Nutzer[3], erheblich mehr als RT und Sputnik auf Englisch (rund 19 Millionen Follower), Russisch (rund 6 Millionen Follower), Französisch (rund 3 Millionen Follower) und Deutsch (rund 1,3 Millionen Follower). Die kremlfreundlichen Medienkanäle nutzen diese Popularität aus, indem sie häufiger auf Spanisch als auf anderen Sprachen Beiträge einstellen, unter anderem eben auch über den Sputnik-V-Impfstoff. Die Strategie scheint sich auszuzahlen: Spanische Beiträge in den sozialen Medien über den Impfstoff sind erheblich beliebter als andere Posts.

Besorgte Stimmen übertönen

Die kremlfreundlichen Medien haben sich als ein wirksames Instrument des staatlich geförderten Marketings erwiesen. Den russischen Medien zufolge haben mehr als 50 Länder Interesse geäußert, den Sputnik-V-Impfstoff zu kaufen oder lokal herzustellen, darunter Brasilien, Mexiko und Venezuela. Aus Sputniks Sicht kann die Verteilung von Sputnik V einzig und allein durch die USA und ihre angeblichen finsteren Pläne, den Menschen in der Region das Heilmittel gegen die Pandemie „vorzuenthalten“, verlangsamt werden.

Alle Stimmen in der Region, die Bedenken hinsichtlich der Sicherheit des russischen Impfstoffs äußern, ernten eine heftige Gegenreaktion der kremlfreundlichen Medien. Das Paradebeispiel findet sich in Argentinien: Der Präsident des Landes erklärte kürzlich, man werde bis zu 25 Millionen Impfdosen von Sputnik V kaufen. Während die spanische Ausgabe von Sputnik dies als Argentiniens Chance beschrieb, die „ewige Quarantäne zu verlassen“, waren die argentinischen Medien weniger begeistert. Die argentinische Tageszeitung La Nación beispielsweise gab Bedenken über die Sicherheit des Impfstoffs wieder und berichtete über die Umfrageergebnisse des unabhängigen russischen Meinungsforschungsinstitut Lewada, , laut denen 59 % der Russinnen und Russen eine Impfung gegen COVID-19 ablehnen würden.

Als Reaktion darauf wandten sich die kremlfreundlichen Medien an die stellvertretende Chefredakteurin von RT Spanisch, Inna Afinogenova, die einen beliebten YouTube-Kanal betreibt. Afinogenova hat den Impfstoff freiwillig getestet und setzt sich vehement für ihn ein (ein früheres Video von ihr, in dem sie unterstellte, „Big Pharma“ würde aufgrund von Sputnik V ein Multimilliarden-Geschäft verlieren, wurde mehr als 500 000 Mal angesehen). Auf die Fragen hin, die die argentinischen Medien bezüglich des Impfstoffs aufwarfen, machte sie sich durch die Aussage lustig, die Medien reagierten auf die Ankündigung des Kaufs von Sputnik V, als marschierten Tausende Soldaten der Roten Armee in das Land ein, um an den Grundschulen verpflichtenden Russischunterricht einzuführen. Sie beschuldigte die argentinischen Kanäle, „Ungenauigkeiten, Zweifel, Halbwahrheiten und blanke Lügen“ zu verbreiten, sowie der Effekthascherei und der antirussischen Voreingenommenheit. Das Video wurde mehr als 270 000 Mal auf YouTube angesehen.

Das Problem der Glaubwürdigkeit

Die Narrative, die die globalen Medien einer „antirussischen“ Voreingenommenheit und sogar der Versuche bezichtigen, den russischen Impfstoff zu diskreditieren, finden sich nicht nur in den spanischsprachigen Ausgaben der kremlfreundlichen Medien. So wurde zum Beispiel ein Kommentar, der ursprünglich von der staatlich kontrollierten russischen Nachrichtenagentur RIA Nowosti veröffentlicht wurde und behauptete, die Interessen der „großen Politik“ und der Arzneimittelindustrie steckten hinter den angeblichen Versuchen des Westens, den russischen Impfstoff in Verruf zu bringen, in mehreren internationalen Ausgaben von Sputnik verbreitet, unter anderem auf Arabisch, Griechisch, Spanisch, Rumänisch und Russisch.

Über die unterstellte antirussische Voreingenommenheit des Westens zu grübeln, ist für die Redakteure der kremlfreundlichen Medien vielleicht bequemer, als ihr Glaubwürdigkeitsproblem anzugehen. Die Studien zu Sputnik V laufen und zeigen in der Tat vielversprechende Ergebnisse, obwohl dieser Optimismus auf unvollständigen Studien basiert. In einer solchen Situation sind die Genauigkeit und Glaubwürdigkeit der Medien, die über Impfstoffentwicklungen berichten, von entscheidender Bedeutung. Die kremlfreundlichen Medien, die in der Vergangenheit behaupteten, die USA instrumentalisierten die Vergiftung des russischen Oppositionspolitikers Alexej Nawalny, um den Sputnik-V-Impfstoff zu blockieren, und das neuartige Coronavirus selbst sei ein Produkt von „NATO-Biolaboren“, verlangen, beim Wort genommen zu werden. Doch um Glaubwürdigkeit aufzubauen, muss man viel mehr leisten, als gute Marketing-Geschichten zu erzählen.

 

[1] Daten zum Stand vom 26. November

[2] Laut Social-Media-Analysetool BuzzSumo

[3] Das sind viel mehr Follower als bei RT und Sputnik auf Englisch (rund 19 Millionen Follower), Russisch (rund 6 Millionen Follower), Französisch (rund 3 Millionen Follower) und Deutsch (rund 1,3 Millionen Follower).