Nach dem Wahltag in den USA behaupteten kremlfreundliche Medien, die US-Demokratie sei eine Illusion, es liege Wahlbetrug vor und die USA hätten daher nicht das Recht, andere über Menschenrechte oder Demokratie zu belehren. Das ist der zweite Teil einer Artikelserie über die Berichterstattung der kremlfreundlichen Medien über die Wahlen in den USA. Den ersten Artikel finden Sie hier.

Seit dem Wahltag sind die kremlfreundlichen Medien von der Verstärkung von Desinformationen über die Wahl abgerückt und konzentrieren sich stattdessen darauf, die öffentliche Wahrnehmung der Wahl und ihrer angeblichen Folgen zu beeinflussen.

Am deutlichsten kommt diese Verlagerung der Nachrichtenvermittlung zwischen 29. Oktober und 12. November darin zum Ausdruck, dass unbegründete Behauptungen über Korruption in Bidens Familie, über die die kremlfreundlichen Medien vor den Wahlen intensiv berichteten, urplötzlich verschwanden. Ein weiteres Zeichen ist die Schwemme an Meldungen, in denen Behauptungen wiederholt werden, das Wahlergebnis sei entweder durch handfesten Betrug zustande gekommen oder stehe noch nicht fest.

Dem beherrschenden Desinformationsnarrativ nach der Wahl zufolge wurde das Wahlergebnis durch koordinierte Anstrengungen zur Wahlmanipulation ermöglicht, zu denen Stimmenauszähler, Postangestellte, Tote, fehlerhafte Software und willkürliche Gerichtsentscheidungen beitrugen. Diese Behauptungen, die häufig aus dem US-Informationsraum stammen, wurden sowohl von den russischen Staatsmedien als auch von Kanälen wiederholt, die ihren Sitz außerhalb von Russland haben und über eine größere Bandbreite von Themen berichten, während sie gleichzeitig kremlfreundliche Narrative unterstützen.

Einen Fortschritt gegenüber diesem Narrativ stellen Behauptungen dar, Wahlbetrug sei keine Anomalie, sondern ein Symptom des gescheiterten politischen Systems der USA, oder die repräsentative Demokratie in den USA sei eine Fassade, reine Fiktion oder ein Mythos.

Chaos im In- und Ausland

Andere Narrative beinhalteten, Trump-Unterstützer würden unter der Biden-Regierung verfolgt werden (wie in Russland 1917). In Bezug auf Biden behaupteten kremlfreundliche Medien, die „liberalen Massenmedien“, einschließlich der sozialen Netzwerke, hätten den ehemaligen Vizepräsidenten favorisiert und geschützt, während sie Trump zensiert hätten. In Kommentaren wurde vorausgesagt, dass Bidens Sieg im In- und Ausland Chaos anrichten, linke Gewalt in den USA schüren und ausländische Konflikte wieder entfachen würde.

Die spanischsprachigen kremlfreundlichen Medien verzichteten zumeist darauf, Trump direkt gutzuheißen oder zu verdammen, aber sie präsentierten seine Kommentare ohne Kritik oder Faktenchecks (anders als die US-Medien). Das Wahlbetrugsnarrativ wurde ein zentraler Aspekt in der Berichterstattung der spanischsprachigen kremlfreundlichen Medien, als die Stimmenauszählung begann. Diese Medien achteten jedoch darauf, nicht selbst zu behaupten, dass in den USA tatsächlich ein Betrug stattfände.

Es wurde kommentiert, Bidens vermeintlicher Sieg würde wahrscheinlich den Dollar schwächen, wenngleich er die Beziehungen zu Lateinamerika verbessern könnte. Laut den Medien würde es für Russland schwieriger werden, mit Biden zu verhandeln als mit Trump.

Sowohl englisch- als auch spanischsprachige Medien forcierten ausgiebig ein breiteres Narrativ, dass Wahlbetrug und politische Polarisierung das Land in einen gewaltsamen zivilen Konflikt trieben.

Zusätzlich zur Beobachtung der Berichterstattung auf Englisch und Spanisch nahmen die EUvsDisinfo-Sachverständigen Beispiele für Desinformationen durch kremlfreundliche Medien in die Disinfo-Datenbank auf. Dort finden sich Fälle von Behauptungen, Joe Biden hätte die Idee aufgeworfen, die US-Armee zur Entfernung Trumps aus dem Weißen Haus einzusetzen, Trump habe gewonnen oder die USA seien ein gescheiterter Staat, der sein Wahlverfahren nicht unter Kontrolle bringen könne.

Jetzt, da sich die Gemüter in Bezug auf die Wahl allmählich wieder beruhigen, sollte festgehalten werden, dass die kremlfreundlichen Medien sich nicht auf die Highlights des politischen Kalenders beschränken. Russische staatlich finanzierte Kanäle erzeugen und verstärken Desinformationen täglich und nutzen sie aus. Aus diesem Umstand ergibt sich die Notwendigkeit der sozialen Netzwerke, sich ständig mit diesem Thema auseinanderzusetzen, und zwar nicht nur für Inhalte auf Englisch sondern auch für Inhalte in anderen Sprachen.

Two links were updated on December 22.

Die Berichterstattung von EUvsDisinfo über die US-Wahlen 2020 findet sich hier: