In den sozialen Medien in Deutschland werden Artikel von RT Deutsch am zweithäufigsten geteilt. Wenn da nicht das zuverlässige deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ wäre, würden kremleigene Medien den digitalen Informationsraum in Deutschland dominieren, und zwar sowohl in Bezug auf die Anzahl der veröffentlichten Artikel als auch auf die Interaktion in den sozialen Medien.

Die Disinformation Review der vergangenen Woche zeigte die frappierenden Ähnlichkeiten zwischen den falsch informierenden Nachrichten, die in den Fällen Skripal und Nawalny verbreitet wurden. In einer Überprüfung der am häufigsten über soziale Medien geteilten Artikel über den Fall Skripal im Jahr 2018 wurde durch DFRlab festgestellt, dass „Inhalte kremleigener und kremlfreundlicher Medien in den Statistiken zur Publikumsbeteiligung weit vor den allgemeinen und unabhängigen Medien rangierten.“ Artikel dieser Medienkanäle, die glauben machten, dass die russische Regierung nicht an der Vergiftung von Sergej Skripal beteiligt war, erhielten mehr Resonanz und wurden infolgedessen in den sozialen Medien häufiger geteilt und weitergeleitet. „Da die sozialen Medien nur geringe Kosten verursachen und eine große Reichweite erzielen, dienen sie als nützliches Medium für den Kampf der Narrative des Kreml“, den Russland laut DFRlab gewann.

Rascher Sprung ins Jahr 2020: EUvsDisinfo unternahm eine neue Untersuchung zum Anteil kremlfreundlicher Kommunikation im Informationsumfeld der Vergiftung Nawalnys. Wie haben die kremlfreundlichen Medien diesmal abgeschnitten?

Gemäß Ergebnissen des Analyseinstruments Buzzsumo wurden zwischen dem 14. August 2020 und dem 14. September 2020 rund 9 400 englischsprachige Artikel über Nawalny oder Nowitschok in den sozialen Medien geteilt und erzielten dabei insgesamt über 4 Millionen Interaktionen über Facebook, Twitter, Reddit und Pinterest:

Die Entwicklung der Berichterstattung in diesem Zeitraum zeigt, dass die Spitzenwerte bei der Zahl der Artikel und erhöhter Resonanz mit den wichtigsten Ereignissen im Zusammenhang mit der Vergiftung Nawalnys zusammentreffen: Am 20. und 21. August wurden die ersten Nachrichten zum Fall publik gemacht, und am 2. September gab Deutschland offiziell bekannt, dass Nawalny mit Nowitschok vergiftet wurde.

Kein kremlfreundliches oder kremleigenes Medium lag in der Rangliste unter den ersten 15 Medienkanälen mit englischsprachigen Veröffentlichungen, welche die höchste Resonanz erhielten. Anders als im Jahr 2018 schaffte es kein einziger Artikel eines solchen Mediums auch nur in die Top 100 der Veröffentlichungen zu diesem Thema, die den größten Anklang fanden. Das lag aber nicht daran, dass man es nicht versucht hätte: vier dem Kreml untergeordnete Medien gehörten zu den Kanälen, über die die meisten Artikel geteilt wurden.

 

 

Im gleichen Zeitraum wurden fast 3 000 deutsche Artikel über Nawalnys Vergiftung veröffentlicht, die über 680 000 Interaktionen in den sozialen Medien sammelten. Im deutschen Informationsumfeld wurden noch weitere Artikel veröffentlicht, nachdem die deutsche Regierung die Vergiftung am 2. September bestätigt hatte.

Das kremleigene RT Deutsch sowie Sputnik German lagen an zweiter und dritter Stelle der Medienkanäle, die in deutscher Sprache am meisten über den Fall Nawalny berichteten, und wurden lediglich vom „Spiegel“ übertroffen. Beide Medienkanäle schafften es außerdem in die Top 15 der meisten Interaktionen. In den sozialen Medien in Deutschland wurden Artikel von RT Deutsch am zweithäufigsten geteilt. Wenn da nicht das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ wäre, würden kremleigene Medien den digitalen Informationsraum in Deutschland dominieren, und zwar sowohl in Bezug auf die Anzahl der veröffentlichten Artikel als auch auf die Interaktion in den sozialen Medien.

 

Ein genauerer Blick auf die am häufigsten geteilten Artikel zeichnet das Gesamtbild zweier unterschiedlicher Medienwelten: während deutsche Medien in neutralem Tonfall über Neuigkeiten in der Geschichte berichteten, setzten kremlfreundliche Medien und alternative Blogs eher auf streitlustige, voreingenommene und ablenkende Schlagzeilen.

Lediglich zwei Artikel von RT Deutsch, die Interviews mit deutschen Politikern in anderen Zeitungen zitieren und gemäß der Haltung der Interviewten einordnen, stehen direkt unter den Top 10: ein Putin-kritisches Interview mit Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer („AKK“) wird als „schrill“ und „ohne Beweise“ beschrieben, während ein Interview mit Sahra Wagenknecht von der Partei „Die Linke“ Behauptungen über eine Doppelmoral der deutschen Regierung gegenüber Saudi-Arabien und den USA stützt.

Top 10 der am häufigsten geteilten deutschen Artikel über die Vergiftung Nawalnys (Titel wurden maschinell ins Englische übersetzt).

 

Im Jahr 2020 ist im Vergleich zu 2018 und dem Fall Skripal in Deutschland keine Dominanz kremlfreundlicher oder kremleigener Medien festzustellen. Aber es ist eindeutig erkennbar, dass durch kremlfreundliche und alternative Kanäle versucht wird, die Strategie der „Ablehnung, Ablenkung, Verzerrung und Betroffenheit“ fortzusetzen.

In der an 16. Stelle der in deutscher Sprache am häufigsten geteilten Artikel (von RT Deutsch am 3. September) gelisteten Veröffentlichung wird zum Beispiel als Schlagzeile behauptet, dass eine „Analyse von Nawalny-Proben mit einem US-amerikanischen Massenspektrometer keine Hinweise auf Giftstoffe ergab“. Während der Artikel eindeutig erkennen lässt, dass die Analyse in Russland durchgeführt wurde, könnte die Schlagzeile die Leserschaft irreführen und sie glauben machen, dass eine unabhängige Analyse stattgefunden hätte. Zahlreiche auf Twitter geteilte Beiträge verwendeten den kurzen Artikel als Beweis für eine Verschwörung gegen Russland.

Im deutschen Informationsumfeld schien jedoch der „ablenkende“ Ansatz häufiger verfolgt zu werden, als die generelle Ablehnung. Durch die Verknüpfung nicht verwandter Themen miteinander oder durch den Einsatz von „Whataboutism“ versuchen die Autoren vom eigentlichen Thema abzulenken und die Diskussion in eine andere Richtung zu führen. In einem Tweet nutzte ein Journalist von RT Deutsch Nawalnys Flug nach Deutschland, um an den Fall Julian Assange zu erinnern. In einem anderen Tweet wünscht sich der „Chefstratege“ von RT Deutsch, dass sich seine Leser eher auf Vermisstenfälle in der Ukraine konzentrieren.

Keines dieser beiden Beispiele einzelner Mitarbeiter von RT Deutsch ist in den obigen Ranglisten aufgeführt, aber mit jeweils über 100 Retweets trugen auch sie zu dem starken Einfluss und der Positionierung kremlfreundlicher Narrative im deutschen Informationsumfeld bei.