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Zentrale Narrative kremlfreundlicher Desinformation Teil 4: „Der drohende Kollaps“

August 21, 2022

Ein wesentlicher Zug der kremlfreundlichen Desinformation sind Wiederholungen. Bei all den unverschämten Behauptungen klingen kremlfreundliche Kanäle häufig wie eine kaputte Schallplatte: Sie wiederholen eine Hand voll grundlegender Botschaften für das heimische und internationale Publikum. Das ist kein Versehen oder Fehler, es ist Absicht: Wiederholungen verleihen Lügen Glaubhaftigkeit. Kremlfreundliche Desinformationskanäle erreichen das, indem sie bei den gleichen wiederkehrenden Narrativen bleiben, die als Vorlage für einzelne Artikel dienen.

Ein Narrativ ist eine übergeordnete Botschaft, die über Texte, Bilder, Metaphern und auf andere Weise übermittelt wird. Über Narrative können Botschaften leichter verbreitet werden, sie schaffen Spannung und sorgen für Aufmerksamkeit. EUvsDisinfo hat fünf vorherrschende Narrative der russischen und kremlfreundlichen Desinformationskanäle zusammengetragen. Ihre Anwendung konnte vielfach beobachtet werden: bei Wahlbeeinflussung, der Verbreitung falscher Tatsachen zur COVID-19-Pandemie und zur Rechtfertigung des unprovozierten Kriegs in der Ukraine.

Diesen Sommer werden wir einen aktualisierten Überblick über diese Narrative veröffentlichen. Hier ist das vierte, das Narrativ des „drohenden Kollapses“. Lesen Sie auch die vorherigen Artikel: „Die Elite vs. das Volk“, „Bedrohte Werte“ und „Verlorene Souveränität“.

Narrativ Nummer 4: „Der drohende Kollaps“

In der aristotelischen Rhetorik übermittelt Kairos das Konzept des Handlungsdrucks. Es wird meist eingesetzt, um zu sagen: Handelt jetzt, bevor es zu spät ist! Im Kontext der kremlfreundlichen Desinformation erfüllt das Narrativ des „drohenden Kollapses“ diese Funktion.

Es wird regelmäßig von russischen und kremlfreundlichen Desinformationskanälen eingesetzt. Beispiele sind: die EU steht kurz vor dem Zusammenbruch, die USA kollabieren, die NATO bricht zusammen, der EU-Beitritt der Ukraine würde zum Kollaps des Blocks führen und das Finanzsystem bricht zusammen.

Glaubt man der Propaganda des Kremls, so beschleunigen auch andere Faktoren diesen angeblichen Zusammenbruch. Ein Karikaturist von RIA Novosti stellt zum Beispiel den Terrorismus in Europa als tödlichen Skorpion dar, den die Europäerinnen und Europäer unwissentlich eingeschleust haben.

Originale Illustration: RIA Novosti

Eine alte Geschichte

Russland sagt den drohenden Kollaps Europas schon seit über einem Jahrhundert voraus. Die Beschreibung von Europa oder den EU-Mitgliedstaaten als „am Rande des Bürgerkriegs“ funktioniert 2019 genauso gut wie 1919.

Die russischen Staatsmedien erzählen ihrem lokalen Publikum verschiedene Geschichten darüber, wie schrecklich das Leben in der EU ist: Unruhen, Gewalt, Armut, politischer Extremismus und so weiter. Das alles schafft ein Gefühl der Sicherheit für das Publikum innerhalb Russlands, das anscheinend nicht am Rande des Zusammenbruchs steht, in klarem Gegensatz zur Situation andernorts.

Der „drohende Kollaps“ ist das Arbeitstier unter den Narrativen, das meist bei lokalen wie internationalen Zielgruppen gut ankommt, obwohl es in der EU keinen Bürgerkrieg gab und Europa noch steht. Nach vielen Maßstäben floriert der Block weiterhin.

Besonders Zielgruppen, die sich – aus gutem Grund oder nicht – vor politischen und sozialen Unruhen in ihrem Land fürchten, sind anfällig für dieses Narrativ.

Somit entfaltet das Narrativ seine beste Wirkung zu Zeiten echter politischer Herausforderungen, wie der Flüchtlingswelle im Herbst 2015, während der Pandemie und jetzt bei der russischen Invasion der Ukraine.

Die letzte Schlacht

Die immense Zunahme der Migration nach Europa war sicherlich eine große Herausforderung für europäische Regierungen, doch russische und kremlfreundliche Medien beschrieben die Situation mit krass übertriebenen und apokalyptischen Begriffen. Sie berichteten über die Krise, als wäre sie ein systemischer Zusammenbruch. Das System hatte natürlich Bestand, doch das Bild des Zusammenbruchs ist im Sprachgebrauch des Kremls verblieben.

Zu Beginn des COVID-19-Ausbruchs im März 2020 erfreute sich der nationalistische Philosoph Alexander Dugin daran, den Kollaps der westlichen Demokratien zu bezeugen:

Die globale kapitalistische Gesellschaft brach sofort zusammen. Das hat noch nicht jeder verstanden. Doch das werden sie bald. Das bedeutet, dass der liberale Globalismus im Kern zerbröckelt, die Welt der Büroangestellten und Beauty-Blogger, Transgender-Personen und Klimaaktivisten, Menschenrechtsvertreter und Hipster, Flüchtlinge und Feministen.

Dieser Ansatz zeigte sich auch bei der russischen und kremlfreundlichen Berichterstattung zu den Gelbwesten-Protesten in Frankreich. Das Recht, Unzufriedenheit über die Regierung und Politik zu äußern, ist ein zentrales Element der Demokratie, und die Bevölkerung aller europäischen Staaten hat das Recht, friedlich zu demonstrieren. Die Gelbwesten-Bewegung und andere Ausdrücke der Unzufriedenheit sind Teil der demokratischen Tradition Europas. Sie sind kein Nachweis für den Zusammenbruch des Systems, sondern für dessen Kapazität, sich neu zu erfinden und zu verjüngen.

Trotz ihrer mangelnden Vorhersagekompetenzen gehen die kremlfreundlichen Fantasien eines drohenden Kollapses der empfundenen Widersacher auch nach der russischen Invasion der Ukraine weiter. In der Welt der kremlfreundlichen Desinformationskanäle ist der Krieg in der Ukraine nur eine westliche List, um den „unvermeidbaren Kollaps des globalen Kapitalismus“ hinauszuzögern.

Das Narrativ des „drohenden Kollapses“ wird auch manchmal eingesetzt, um den angeblichen Verfall der europäischen moralischen Werte und Traditionen zu lamentieren. Russische und kremlfreundliche Desinformationskanäle bezeichnen die Kinderrechte in Europa zum Beispiel regelmäßig als Angriff auf Familienwerte. Das Fazit: Europa stirbt, weil es sich von jeglicher Sittlichkeit und Moral abwendet.

Doch die Berichte über den Tod Europas könnten ziemlich übertrieben sein. Eine turbulente Wirtschaftslage zu meistern, sich durch eine globale Pandemie zu kämpfen oder eine hitzige politische Landschaft zu verzeichnen sollten nicht als Zeichen eines existenziellen Zusammenbruchs interpretiert werden.

Hier finden Sie weitere Informationen zum „drohenden Kollaps“.