DER KAMPF GEGEN DEN DESINFORMATIONSVIRUS AKTUELL: GEORGIEN

Grüße aus Tiflis!

Diese Woche kommt die Disinformation Review aus Tiflis zu Ihnen; direkt aus Georgien, der Heimat der “ersten Europäer”, einem Land mit sehr alten Traditionen und sehr moderner Architektur, das ein besonders beliebtes Ziel kremlnaher Desinformation ist.

“EUvsDisinfo” hat mehr als 300 Fälle kremlnaher Desinformation aufgedeckt, die speziell für Georgien bestimmt waren. Das sind fast 5 % aller Fälle, die wir seit 2015 gesammelt haben. Aber an den Zahlen lässt sich nicht ablesen, mit welchem Eifer Georgien angegriffen wird. So wurde das Land wiederholt als Ort grausamer biologischer Experimente bezeichnet, als hilfloses Opfer geopolitischer Manöver des Westens dargestellt und beschuldigt, alle möglichen Scheußlichkeiten zu verbreiten – von Darminfektionen zu Gift und Russophobie (mehr dazu in unserem Artikel über das Lugar-Labor!).

All diese Beispiele sind nur Symptome eines Desinformationsvirus, der von den kremlnahen Medien verbreitet wird, um Georgiens Demokratie und territoriale Integrität anzugreifen und seinen transatlantischen und europäischen Kurs zu untergraben.

Wie ein Blick in die “EUvsDisinfo”-Datenbank zeigt, geht es meist darum, Georgiens Beziehungen zur EU und zur NATO in Frage zu stellen. Seit Kurzem beobachten wir jedoch einen Desinformationsausbruch, der es speziell auf die Beobachtermission der EU in Georgien abgesehen hat.

Kremlnahe Medien in der abtrünnigen georgischen Region Südossetien, in der Russland seine militärische Präsenz völkerrechtswidrig aufrechterhält, haben den EU-Beobachtern Provokationen und Grenzverletzungen vorgeworfen, sie beschuldigt, destruktives Verhalten zu fördern, und sie als provokatives Element für das “Fehlverhalten” Südossetiens mitverantwortlich gemacht.

Bei den geballten Bemühungen geht es darum, das Ansehen der Mission, die seit 2008 zur Stabilität der Region beiträgt, zu diskreditieren und zu schädigen. Hier zeigen sich die klassischen Symptome des “провокация” [provokatsiya]-Syndroms. Die davon befallenen kremlnahen Medien gehen dazu über, anderen Provokationen vorzuwerfen – nämlich die Verschwörung gegen Russland – und den Kreml (und seine Helfer) als unschuldige Opfer der üblen Machenschaften anderer hinzustellen. Zur Veranschaulichung hier zwei klassische Beispiele: “NATO provoziert Russland im Schwarzmeerraum”; “Proteste in Georgien sind eine russophobe Provokation“.

Während Georgien und die EU weiterhin ausgezeichnete Beziehungen unterhalten, bemühen sich die kremlnahen Medien, neue Rekordwerte zu erreichen, wenn es darum geht, die Bevölkerung Georgiens über die EU zu desinformieren.

Die Desinformationsquellen versuchen, die EU in den Augen der georgischen Bevölkerungen zu diskreditieren, indem sie sie als existenzielle Bedrohung traditioneller Werte darstellen. In einem besonders krassen Fall von Desinformation gingen sie so weit zu behaupten, europäische Liberale würden georgische Familien heimsuchen und Eltern ihre Kinder wegnehmen. Gleichzeitig behaupten die kremlnahen Medien hartnäckig, in der UdSSR sei die georgische Kultur sorgsam geschützt worden.

Hier zeigen sich die Symptome des kremlnahen Desinformations-Fieberwahns: Europa als eine Krankheit darzustellen und Russland als Rettung. So wird den Georgiern weisgemacht, ihr Land profitiere nicht vom Freihandel mit der EU und sollte daher besser zu Russland zurückkehren, während die EU in Wahrheit Georgiens größter Handelspartner ist. Sie werden geradezu bombardiert mit unheilvollen Desinformationsbotschaften, wonach die Visaliberalisierung zu größere Terrorgefahr und einem massenhaften Zustrom syrischer Flüchtlinge führen würde, auch wenn bereits mehr als 300 000 georgische Bürgerinnen und Bürger vom visafreien Reisen profitiert haben.

Auf jede nur mögliche Art und Weise zielt die kremlnahe Desinformation darauf ab, engere Beziehungen zwischen der EU und Georgien zu untergraben – mit denselben unterschwelligen Desinformationsbotschaften: Georgien könne nur von Russland gerettet werden, heißt es. Hier liegt eine gefährliche Diagnose nahe: Die kremlnahen Medien befinden sich in einem imperialen Rauschzustand.

Wie bei den meisten “Infektionen“ findet der Desinformationsvirus leicht Verbreitung – auch über Grenzen (und Sprachen) hinweg. So hieß es in den kremltreuen Desinformationsnarrativen, Europa ersticke unter der Last seiner Migrationsarbeit – das Ganze auf Georgisch, BelarussischArmenischTschechisch und sogar Arabisch.

George Soros lässt sich in mindestens neun verschiedenen Sprachen – darunter Georgisch – als Zerstörer von Nationen und Kulturen

darstellen. Genauso kann die Östliche Partnerschaft der EU einem ukrainischen, armenischenbelarussischen oder deutschen Publikum als russophobes Projekt präsentiert werden.

Wie lässt sich eine weltweite Ansteckung durch Desinformation nun verhindern?

Georgien hat sein eigenes Rezept: die Regierung, Aktivisten und Medien haben begonnen, die Gesellschaft gegen Desinformation zu impfen.

Medien und zivilgesellschaftliche Organisationen in Georgien bemühen sich, dafür zu sorgen, dass die gesamte Gesellschaft – von Studenten bis zu Landwirten in abgelegenen Bergregionen – Zugang zu faktenbasierten und korrekten Informationen über Europa und ihr eigenes Land haben. Oft führt dies zu einer engen Zusammenarbeit mit Lehrern, Priestern und anderen führenden Persönlichkeiten, deren Stimmen den Desinformationslärm übertönen. Währenddessen lassen georgische Mythenaufdecker und andere Faktenprüfer nicht nach, Desinformation mit Tatsachen und mehr Medienkompetenz zu bekämpfen.

Und auch wenn es kein schnelles Heilmittel gegen die Desinformationskrankheit gibt, wissen die Menschen in Georgien, wie die meisten von uns, dass Vorbeugung die beste Medizin ist.