Während Russland sich auf den 75. Jahrestag des Siegs über Nazideutschland vorbereitet, versuchen die kremlnahen Medien, die Geschichte neu zu schreiben.

Mit mehr als 15 Desinformationsfällen in dieser Woche ist Polen immer noch eine bevorzugte Zielscheibe der kremlnahen Desinformationsstellen.

Erste Hinweise auf diese Entwicklung gab es Ende Dezember, als Präsident Putin auf seiner Jahrespressekonferenz die Weltanschauung des Kremls beschrieb.

Am 17. Januar – 75 Jahre nach der Einnahme Warschaus durch die sowjetische Armee – veröffentlichte das russische Verteidigungsministerium „geheime Dokumente“, denen zufolge der Warschauer Aufstand schlecht vorbereitet und ein Eingreifen sowjetischer Truppen schlicht nicht möglich gewesen sei.

Und mit Heranrücken des Jahrestags des 27. Januar 1945, an dem die sowjetische Armee Auschwitz erreichte, häuften sich die Behauptungen über polnischen Antisemitismus.

Doch es gab auch eine heftige Gegenreaktion auf das Leugnen von Tatsachen durch den Kreml und sein Schaffen eigener Realitäten: „Die Rote Armee schaute tatenlos zu, als Warschau im Sterben lag. Die beiden Aufstände der Stadt – der erste 1943 im jüdischen Ghetto und der zweite 1944 in der ganzen Stadt – waren deutliche Belege skrupelloser deutscher Verbrechen. Doch während die Menschen in Warschau auf Hilfe hofften, gab Josef Stalin der Roten Armee niemals den Befehl einzugreifen,“ schrieb der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki.

Letztlich lagen „Befreiung“ und „Sowjetisierung“ nah beieinander: Auch wenn viele das Ende der Besatzung durch Nazideutschland als Befreiung erlebten, begann mit der Ankunft sowjetischer Truppen eine neue Besatzung. Die Sowjetisierung Polens und des übrigen Ostblocks ging mit Terror, massenhafter Unterdrückung, der Nationalisierung der Industrie, der Enteignung privaten Landbesitzes, Umweltkatastrophen, der Zerstörung der Marktwirtschaft und der Beschränkung bürgerlicher und politischer Freiheiten einher.

Bei dem Versuch, diese unbequemen Wahrheiten zu vertuschen, haben sich die kremlnahen Medien größte Mühe gegeben, den Medienraum mit Narrativen zu besetzen, die der Weltanschauung des Kreml dienen. Dazu gehört die Behauptung, die UdSSR hätten keinerlei Rolle dabei gespielt, die Bedingungen zu schaffen, die es Nazideutschland möglich machten, in den Krieg zu ziehen.

Zudem spielen die kremlnahen Medien die Karte der Undankbarkeit aus und behaupten, die UdSSR habe Polen nicht nur befreit, sondern auch dazu beigetragen, das Land wieder aufzubauen.

Ein weiteres Beispiel der Dämonisierung Polens ist die Anschuldigung, das Land sei ein Verbündeter der Nazis gewesen. Auch wenn historische Dokumente dieses Narrativ widerlegen, wird es doch gern verwendet, um die historische Bedeutung des Ribbentrop-Molotow-Pakts herunterzuspielen und die UdSSR in ein besseres Licht zu rücken.

Ferner werfen die kremlnahen Medien Polen vor, Antisemitismus nicht zu verurteilen und sich ein ganz eigenes Bild vom Holocaust zu machen. Während in Polen die Auffassung seriöser Historiker geteilt wird, behauptet der Kreml, die polnische Vorkriegsregierung habe dem Holocaust den Boden bereitet.

Für eingefleischte Leser von Desinformations ist klar, dass sich die historischen Narrative nahtlos in das heutige Desinformationssystem einfügen. Mit anderen Worten war die Grundidee schon immer zu zeigen, dass Russland keine Schuld trifft, andere aber umso mehr. Doch muss ein Unschuldiger 75 Jahre lang immer wieder versuchen, seine Unschuld zu beweisen? Und warum sollte ein Unschuldiger so weit gehen zu behaupten, der Europäische Gedenktag für die Opfer totalitärer und autoritärer Regime sei ein falscher Feiertag?