Was jedem auffällt, der sich mit kremlnahen Medien beschäftigt, ist ein allgegenwärtiges Gefühl der Angst, Beklemmung, Panik und Sorge… Alles scheint dem Untergang nahe, in die Brüche zu gehen oder aus den Fugen zu geraten. Diese Woche in der Disinformation Review: ein Verzeichnis der größten Ängste des Kreml.

Vom altgriechischen ἀλήθεια (aletheia), „Wahrheit“, und φόβος (phóbos), „Angst“ oder „Phobie“.

Der Wahrheit ins Auge zu sehen kann jedem von uns Angst machen, aber im Fall der kremlnahen Desinformation lässt sich ein vollkommen unerbittlicher Zwang zur Wahrheitsverleugnung beobachten. Nehmen wir zum Beispiel die Krim. Die kremlnahen Medien wiederholen unentwegt Behauptungen, wonach diese rechtswidrige Annexion von ukrainischem Gebiet nach einem grotesken „Referendum“ tatsächlich demokratisch und in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht vorgenommen wurde. Das ist nicht wahr: Die rechtswidrige Annexion der Krim verstößt weiterhin gegen das Völkerrecht, ganz egal, wie oft oder wie hysterisch man sich bemüht, Lügen über die wirklichen Ereignisse zu verbreiten. Oder nehmen wir den Fall der Ausweisung russischer Diplomaten aus Deutschland nach der Tötung des Georgiers Zelimkhan Khangoshvili: Die staatlichen russischen Medien reagieren wie gewohnt mit der Strategie „Alles abstreiten“, obwohl es klare Beweise der deutschen Polizei dafür gibt, dass die Tötung „entweder im Auftrag staatlicher Stellen der Russischen Föderation oder jenen der Autonomen Republik Tschetschenien als Teil der Russischen Föderation ausgeführt wurde”.

Vom altgriechischen ἄλλος (állos), „andere(r, s)“, δόξα (dóxa), „Ansicht“, und φόβος (phóbos), „Angst“ oder „Phobie“.

Das ist wohl eine der hartnäckigsten und grundlegendsten Phobien des Kreml. EUvsDisinfo hat mehrere Artikel darüber veröffentlicht, wie die russischen Behörden versuchen, abweichende Meinungen zu unterdrücken und die Medien zu kontrollieren. Beispiele sind hier und hier zu finden. Auch lesenswert: die Berichte russischer Journalisten, die sich nicht zum Schweigen bringen lassen!

Vom altgriechischen ατελής (atelès), „unvollkommen, unvollständig“, und φόβος (phóbos), „Angst“ oder „Phobie“.

Nur wenig macht dem Kreml so viel Angst wie das Eingeständnis der eigenen Fehler oder Missetaten. Ob es um dubiose diplomatische und imperiale Manöver in der Vergangenheit geht oder um Auftragsmorde, Versuche der künstlichen Leistungssteigerung im Sport oder desaströse Entscheidungen auf dem Schlachtfeld – der Kreml kann (oder besser gesagt: will) einfach keine sachlichen Beweise oder historischen Aufzeichnungen hinnehmen, die seine Schuld belegen. Fehler einzugestehen macht den Herren des Kreml ganz einfach zu viel Angst.

Vom altgriechischen αὐτός (autos), „selbst, derselbe, allein“, und φόβος (phóbos), „Angst“ oder „Phobie“.

In den kremlnahen Desinformationsbemühungen manifestiert sich kaum eine Angst stärker als die Angst, nicht erwünscht, geliebt oder geschätzt zu werden. Etwa 350 Fälle in der Desinformationsdatenbank drehen sich um „Russophobie“ – ein Konzept, das auf der Wahrnehmung beruht, dass Russland irrationalerweise zu wenig geschätzt und oft geradezu verachtet wird, ohne, dass es dafür eine legitime Rechtfertigung gäbe. Diese Woche sehen wir, wie „Russophobie“ als Erklärung für Maßnahmen der NATO gegen Russland, litauische Politik und westlichen Journalismus herangezogen wird.

Vom altgriechischen δῆμος (demos), „Volk“, und φόβος (phóbos), „Angst“ oder „Phobie“.

Proteste, Basisbewegungen und die Zivilgesellschaft – aus Sicht des Kreml gibt es kaum etwas Angsteinflößenderes als eine mögliche Infragestellung seiner Macht. Deswegen wird auch jede Form des Engagements zivilgesellschaftlicher Akteure als „nicht authentisch“ und als Machenschaft „böswilliger Eliten“ von „da oben“ dargestellt: so habe zum Beispiel der Westen eine zweite Welle der Farbrevolutionen angestoßen, um den Einfluss Russlands und Chinas zu schwächen – genauso wie die Angelsachsen vor hundert Jahren den Russischen Bürgerkrieg angezettelt haben. In fast 500 Fällen in der Datenbank geht es darum, dass hinter jedem öffentlichen Protest – ob in Hongkong, in der Ukraine, in Bolivien oder in Venezuela – lediglich intrigante Kräfte von außen stecken.

Vom altgriechischen ἐλευθερία (eleuthería), „Freiheit“, und φόβος (phóbos), „Angst“ oder „Phobie“.

Diese Angst hängt eng mit Demophobie und Allodaxophobie zusammen. Sie äußert sich als tief verwurzelte Furcht vor Pluralismus und Meinungsverschiedenheit. Jeder, der die Obrigkeit in Frage stellt, muss demnach ein Aufrührer sein, der nach Chaos und Zerstörung trachtet und vorhat, Revolutionen anzuzetteln. Es gibt keine Kritik, hinter der nicht eine Verschwörung stünde. Und die Religionsfreiheit kann nichts anderes sein als ein US-Komplott zur Ausmerzung des Christentums.

Vom altgriechischen ἔφηβος (éphēbos), „Jugendliche(r)“, und φόβος (phóbos), „Angst“ oder „Phobie“.

Greta Thunberg, die schwedische Schülerin, die den Schulstreik für das Klima angeregt hat, ist schon seit vielen Monaten Auslöser für Ängste des Kremls. Thunbergs „Feldzug gegen weiße Männer“ bringt das Blut der Spindoktoren des Kreml so richtig zum Kochen. Kremlnahe Desinformationsstellen wiederholen jetzt schon die zweite Woche in Folge genau die gleiche Behauptung.

Vom altgriechischen μύσος (mysos), „Unreinheit“, und φόβος (phóbos), „Angst“ oder „Phobie“.

Die arabischsprachigen Dienste der in Kreml-Besitz befindlichen Nachrichtenagentur Sputnik bemühen sich, das Lugar-Labor in Georgien als Labor zur Modifikation von Viren und Krankheitserregern darzustellen, und wiederholen so eine Geschichte, die schon dutzende Male widerlegt wurde, seit sie im Frühjahr 2016 erstmals auftauchte. Das war damals schon eine Lüge und ist es auch heute noch.

 

Diese Liste ist natürlich keine erschöpfende Aufzählung aller Ängste des Kreml. Außerdem gibt es da noch Europhobie, Ukrainophobie, Xenophobie, Okzidentophobie, Polonophobie und viele andere. Die kremlnahen Medien spiegeln ein Land wider, das Angst und Panik fest im Griff haben.