Irans Eingeständnis, Flug PS752 der Ukrainian International Airlines abgeschossen zu haben, hat den kremlnahen Medien große Probleme bereitet. Die Desinformationsfälle dieser Woche zeigen das deutlich.

Zunächst hatten die kremlnahen Medien ihre gut geölte Desinformationsmaschinerie mit bekannten Narrativen in Gang gebracht: Profithungrige Ukrainer hätten ein altes, schrottreifes Flugzeug eingesetzt, hieß es; nur die USA hätten die Fähigkeit, ein ziviles Flugzeug dieser Art abzuschießen – und würden systematisch Gebrauch davon machen; PS752 sei mit einer amerikanischen Spionagedrohne kollidiert; die USA hätten das Flugzeug abgeschossen, um die Schuld auf Iran zu schieben, und ein ukrainisches Flugzeug gewählt, da die Ukrainer stets willfährige Gehilfen ihrer Drahtzieher seien; das Video, das einen Raketeneinschlag zeigt, sei vermutlich eine Fälschung; und ganz allgemein seien abstürzende Boeings zu einer Geheimwaffe der USA geworden.

Lauter ganz normale, bequeme Lügen, wie man sie vom Kreml gewohnt ist: leicht in die Welt zu setzen, leicht wiederzugeben. Irans Entscheidung, den Opfern des Unglücks Respekt zu erweisen, einen schrecklichen Fehler einzugestehen, Experten Zugang zur Absturzstelle zu geben und mit internationalen Organisationen zusammenzuarbeiten, hat Moskaus Meinungsmacher in die Bredouille gebracht. Wie lässt sich hervorkehren, dass die Schuld immer noch beim „Westen“ liegt? Nun, den kremlnahen Medien zufolge hat Iran auf Druck nachgegeben – oder sich auf ein schmutziges, aber einträgliches Geschäft eingelassen; Iran könnte in eine Falle der USA getappt sein; die iranische Luftverteidigung könnte von den USA gekauft worden sein.

Alles abstreiten!

In einem Twitter-Thread bringt Margarita Simonyan, Chefredakteurin des russischen Staatsfernsehens RT, Neid auf Iran zum Ausdruck:

Es gibt zwei Glaubensrichtungen, wie ein großes Land, das Respekt für sich einfordert, damit umgehen sollte, wenn es einen katastrophalen Fehler begangen hat. Der ersten zufolge sollte das Land alles vehement abstreiten; nichts zugeben, nichts bereuen. Sonst wird alles viel schlimmer. Warum? Darum. Die meisten, die in den mächtigsten Ländern – einschließlich unserem – in der Verantwortung stehen, sind Anhänger dieser Glaubensrichtung. Der anderen Glaubensrichtung zufolge sollte man handeln wie Iran. Dem stehe ich näher. Ganz einfach aus menschlichen Gründen. In meinem Wertesystem hat Iran wie ein echter Mann gehandelt.

Screenshot von Margarita Simonyans Twitterkonto.

Simonyan ist eine Schlüsselfigur im kremlnahen Desinformationssystem. Sind wir gerade Zeugen, wie die staatlichen Medien Russlands eine neue Richtung einschlagen? Ist „Alles abstreiten“ nicht mehr das Standardverfahren? Den Fällen dieser Woche nach zu urteilen: „Nyet“, noch nicht. Vielmehr werden dieselben alten Lügen wiederholt: zum Flug MH17, zum aggressiven Westen, zu Russlands Rolle in der Ukraine, zum Tod von 14 Menschen in Vilnius im Jahr 1991

Diese Woche war auch eine systematische Kampagne gegen Polen zu beobachten. Kremlnahe Medien machen Polen für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verantwortlich; sie werfen dem Land vor, einen Informationskrieg gegen Russland zu führen und künftige Kriege zu planen. Dabei achten die kremlnahen Medien – genau wie Simonyan erklärt hat – sorgfältig darauf, niemals zuzugeben, dass Russland Fehler gemacht hat, niemals Reue zu zeigen, niemals Verantwortung zu übernehmen.

Die bizarrste Geschichte der Woche:

Im ständigen Wettbewerb um die bizarrste Desinformationsgeschichte treten die folgenden drei Fälle diese Woche besonders hervor:

Die Propagandisten des Kreml mögen vom Glauben abfallen, aber der Kult selbst ist intakt.