Desinformation aus journalistischer Sicht. Teil 6: Republik Moldau

Vertrauenswürdiger Journalismus ist das Herzstück einer demokratischen Gesellschaft. Zur Feier des Welttags der Pressefreiheit hat EUvsDisinfo eine Artikelreihe veröffentlicht, um dem unabhängigen Journalismus in Ländern der Östlichen Partnerschaft eine Stimme zu verleihen. Teil 6. Republik Moldau.

EUvsDisinfo sprach mit zwei Journalistinnen und zwei Journalisten über die Herausforderungen des modernen Journalismus und ihre eigenen Erfahrungen: Natalia Morari von TV8; Vasile Botnaru von Radio Europa Liberă (Radio Freies Europa); Alina Radu von der Zeitung Ziarul de Gardă; und Vlogger Dorin Galben. Wie überall ist Desinformation auch in der Republik Moldau ein Problem, doch es gibt Möglichkeiten, sie zu bekämpfen.

Warum ist Journalismus wichtig?

Natalia Morari:

Die Aufgabe des Journalismus hat sich nicht geändert. Auch wenn es harte Zeiten für Qualitätsjournalismus sind, müssen wir die Menschen noch immer korrekt informieren und ihnen helfen, Entscheidungen auf der Grundlage geprüfter Informationen zu treffen. Es ist einfach, „viral“ zu sein, zitiert zu werden, doch das bedeutet nicht automatisch wahren Journalismus.

Alina Radu:

Die Aufgabe des Journalismus besteht nicht nur darin, zu informieren, sondern auch die Öffentlichkeit an der Lösung von Problemen zu beteiligen. Mir gefällt es, wenn Journalistinnen oder Journalisten wahre Geschichten über heikle Themen berichten, Mut beweisen im Angesicht korrupter Menschen oder solcher, die die Menschenrechte verletzen.

Alina Radu von der Zeitung Ziarul de Gardă.

Vasile Botnaru:

Der Journalismus ist eine Art Brücke zwischen Menschen unterschiedlicher Berufsrichtungen. Es mag altmodisch sein, aber ich glaube an verantwortungsvollen, motivierten, „missionarischen“ Journalismus – hinter die Kulissen zu gelangen, um Fakten statt Schlussfolgerungen, Stellungnahmen oder Kommentaren zu bieten, sodass die Menschen ihre eigene Meinung bilden können.

Wie kann Desinformation Schaden anrichten?

Natalia Morari:

COVID-19 hat aktuelle Beispiele von Desinformation hervorgebracht: [die Behauptung der] „Verchippung“ – ein diabolischer Plan des Westens. Dadurch haben Menschen sich nicht impfen lassen und somit sich selbst und andere gefährdet.

Natalia Morari, TV8.

Dorin Galben:

Das Leben meiner Freunde und Familie wurde und wird durch Desinformation über COVID-19 beeinflusst; entweder durch Verschwörungstheorien oder durch irreführende Informationen und unzureichendes Ernstnehmen, sodass sie schwer krank werden.

Dorin Galben, unabhängiger Vlogger.

Alina Radu:

Mit dem Aufkommen professioneller Desinformationsquellen (wie vom Kreml finanzierter Kanäle) werden viele Journalistinnen und Journalisten von „Armeen“ von Trollen und Menschen mit gefälschten Konten in sozialen Medien angegriffen und bedroht. Desinformation bewirkt ernsthaften Schaden in der Gesellschaft. Kurzfristige Folgen sind wütende, enttäuschte Menschen, solche, die fälschlichen Informationen vertrauen. Doch es gibt auch langfristige Folgen: Das Vertrauen in die Wissenschaft wird geschwächt. Das Vertrauen in die Medien ist angeschlagen und das Vertrauen in die Gesellschaft an sich nimmt Schaden . Dieses Vertrauen ist nur schwer wiederherzustellen.

Wie können die Menschen Desinformation vermeiden oder darauf reagieren?

Alina Radu:

Mein Rat: Das ist wie Obst im Supermarkt auswählen. Wählen Sie die guten Medien, die Ihnen nicht schaden. Genau wie schlechte Äpfel giftig sein können, könnten auch Medienprodukte und Falschmeldungen Schaden anrichten. Oder wie bei neuen Bekanntschaften: Man tauscht sich erst mal aus, um zu sehen, ob die Person ehrlich ist.

Dorin Galben:

Wenn ich Fälle auf Desinformation stoße, versuche ich, Beweise dafür zu finden, und rede in meinen Shows, Interviews oder Blogs darüber. Kürzlich habe ich auf Desinformationsfälle auf der Plattform TV PRIVEȘTE hingewiesen, die dort vom Zentrum für Unabhängigen Journalismus platziert wurden.

Natalia Morari:

Quelle prüfen, Quelle prüfen, Quelle prüfen! Seien Sie vorsichtig, was Sie lesen und was Sie in sozialen Netzwerken verbreiten. Häufig lesen Menschen nur die Schlagzeile und öffnen die Seite gar nicht. Finden Sie heraus, wer hinter den Medien steht. Finden Sie heraus, wer der Chefredakteur oder die Chefredakteurin ist. Es ist nicht schwierig, sich eine Liste vertrauenswürdiger Medienquellen im eigenen Land oder der eigenen Region zusammenzustellen. Bevor Sie etwas teilen, vergewissern Sie sich, dass die jeweiligen Medien nicht die verdeckten Interessen eines Oligarchen oder einer politischen Partei unterstützen.

Vasile Botnaru:

Leider ist die Lüge intelligenter und cleverer als die Wahrheit. Die Lüge hat angeblich kurze Beine und kommt nicht weit, doch sie schleicht sich trotzdem ein. Wir leben in einer postfaktischen Zeit, in der es keine Beschränkungen für die Verbreitung von Desinformation oder Informationen ohne Nachweise gibt. Das oberste Ziel ist Manipulation. Beispiele sind die Krim oder Syrien. Viele erinnern sich an das Beispiel der Falschmeldung über den gekreuzigten Jungen im Donbas.

Botnaru von Radio Europa Liberă (Radio Freies Europa).

Was ist Ihre Botschaft zum Welttag der Pressefreiheit?

Alina Radu:

Lassen Sie nicht die Politik die Bemühungen guten Journalismus untergraben. Wenn die Politik die Presse, die Werbung, den Audiovisuellen Rat und das Postwesen in Moldau kontrolliert, dann wird die Arbeit freier Reporterinnen und Reporter verhindert und die Gesellschaft als Ganze verliert, nur Korrupte gewinnen.

Vasile Botnaru:

Die Presse ist ein Mittel öffentlicher Kontrolle über diejenigen, denen wir Macht übertragen haben. Das ist notwendig für eine gesunde Gesellschaft. Wir sehen ja die Alternative andernorts, wo die Presse inhaftiert ist und das Land unter autoritärer Herrschaft steht.

Dorin Galben:

Eine wohlinformierte Person ist schwer zu manipulieren!

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Das ist das Ende unserer sechsteiligen Artikelreihe aus Ländern der Östlichen Partnerschaft der EU zur Feier des Welttags der Pressefreiheit. Wir danken allen 28 Journalistinnen und Journalisten aus den sechs Ländern für Ihre Teilnahme und Ihre Meinungen und Einblicke.

Pressefreiheit ist so wichtig wie eh und je und globale Entwicklungen im Laufe der letzten zwölf Monate sind – leider – entmutigend. Nach Angaben des V-DEM Institute haben 2020 zwei Drittel aller Länder weltweit Beschränkungen der Medien verhängt. 2020 wurden 274 Journalistinnen und Journalisten weltweit für ihre Arbeit verhaftet, wie die letzte Erhebung des Komitees zum Schutz von Journalisten ergab. Die Rangliste der Pressefreiheit 2021 zeigt, dass Journalismus der wohl beste Wirkstoff gegen Desinformation ist. Doch aufgrund der Einschränkungen wegen COVID-19 war er in 73 % der 180 Länder, die Reporter ohne Grenzen befragte, vollständig oder teilweise eingeschränkt. Dazu gehörten auch Länder in östlicher Nachbarschaft der EU, in denen Journalistinnen und Journalisten zudem ernsthafte finanzielle Rückschläge erlitten. Es gibt Gründe, für Qualitätsjournalismus und gegen Desinformation zu kämpfen, denn Pressefreiheit ist die Freiheit aller, und auf diese kommt es jeden einzelnen Tag an.

Vorherige Artikel: Teil 1. Belarus; Teil 2. Georgien; Teil 3: Armenien; Teil 4: Ukraine; Teil 5: Aserbaidschan.