Die Taktik der verbrannten Erde hat sich in der konventionellen Kriegsführung bisweilen als erfolgreich erwiesen. Wie funktioniert sie in der Welt der Desinformation?

Vor 207 Jahren ging Moskau in Flammen auf. Es war September 1812, Russland kämpfte gegen Napoleon und seine Verbündeten – und gewann. Dieser Sieg trug entscheidend dazu bei, Napoleons Vorherrschaft in Europa aufzuhalten.

Dass Russland letztlich siegte, lag auch an der sogenannten Taktik der verbrannten Erde, die darin bestand, Moskau in Schutt und Asche zu legen, sodass der Feind weder die Vorräte noch die Gebäude vor Ort nutzen konnte. Als die französischen Truppen Moskau erreichten, waren der Kreml und andere bedeutende öffentliche Gebäude gesprengt oder ausgebrannt, und die Einwohner flohen. Rund zwei Drittel der Stadt waren zerstört, weshalb Napoleon sich schwer tat, seinen (zeitweiligen, wie sich herausstellen sollte) Vormarsch im Krieg zu feiern.

So, wie das Vokabular und die Methoden der Kriegführung in die Welt der Informationen übernommen wurden, wurde es auch die Taktik der verbrannten Erde. Heute wird sie von kremlfreundlichen Quellen skrupellos eingesetzt, um Gegner als degeneriert, niederträchtig und von Zerstörungsfantasien besessen darzustellen. Sie entzünden das Feuer der Desinformation in der Hoffnung, ihre Zielobjekte so unattraktiv wie möglich erscheinen zu lassen.

Diese Woche war da keine Ausnahme. Kremlfreundliche Quellen schürten Angst, um uns emotional zu manipulieren – und dazu standen diverse vermeintliche Bedrohungen zur Auswahl: Beispielsweise hieß es, die Ukraine bereite mit ihrem neuen Atomkraftwerk den Boden für eine neue Tschernobyl-Katastrophe. Tatsächlich werden in der Anlage radioaktive Abfälle aufbereitet, die von dem Unglück im Jahr 1986 stammen. Das mag bedrohlich klingen, wenn man sich nicht über die Tatsachen im Klaren ist. Und wenn Sie jetzt noch keine Angst haben, klappt es vielleicht damit: Ein schwedischer Professor ruft alle dazu auf, sich zum Kannibalismus zu bekennen – für die kremlfreundlichen Quellen ein deutliches Zeichen, dass der Westen mit seinem berüchtigten liberalen Denken moralisch am Boden liegt und seine Werte verkommen. Tatsächlich war die Präsentation des Professors sehr viel differenzierter – aber davon haben sich die Desinformationsstellen nicht aufhalten lassen.

Und wo es gerade um voreingenommene Berichterstattung geht, könnte es Sie auch interessieren, dass die europäische Rechtsstaatlichkeit am Ende ist – Grundlage für diese Behauptung kremlfreundlicher Quellen war ein einziges Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, das der russischen Regierung und ihren Bestrebungen, sowjetisches Erbe zu bewahren, zuwiderlief. Zufall? Das glauben wir nicht. Einen einzelnen Fall heranzuziehen, um daraus ein Gesamtbild zu entwerfen, ist eine weitere übliche Taktik der kremlfreundlichen Quellen, um die Welt in ihrem Licht erscheinen zu lassen.

Wer hat Angst vor …?

Das Narrativ des degenerierten Westens bringt uns zu einem weiteren Fall von Desinformation, der “beweist”, dass eine alte, verzweigte, zionistisch-christlich-teuflische, Rothschild-gesteuerte Verschwörung hinter der globalen Finanzmachtstruktur und den westlichen Medien steckt. Diese häufig verwendete Taktik der kremlfreundlichen Desinformation soll nicht nur zeigen, dass der Westen in vielen Bereichen zusammenbricht, sondern bedient sich auch unbeweisbarer Verschwörungstheorien, um eine solche Behauptung zu untermauern. Wenn Sie keine Angst vor Zionisten haben, dann vielleicht vor dem Teufel?

Als wären all diese Bedrohungsszenarien zu weit hergeholt, wird die Taktik der verbrannten Erde auch in Berichten über militärische Angelegenheiten eingesetzt. Es wurde berichtet, dass der ukrainische Präsident Selensky die Militärausgaben der Ukraine verdoppelt habe – für kremlfreundliche Quellen ein deutliches Zeichen für die Vorbereitung eines Angriffskriegs; wiederum ohne jegliche Beweise. Doch das war nichts im Vergleich zu den USA: wie kremlfreundliche Medien berichteten, wären die USA diese Woche eifrig damit beschäftigt gewesen, die russische Opposition zu unterstützen, um mit der einen Hand Russland zu zerstören, mit der anderen Polen zu kolonialisieren und mit der dritten den Weltraum aufzurüsten. Dabei haben uns die Autoren dieser Verschwörungstheorien nicht mitgeteilt, wie viele Hände die USA eigentlich haben.

In den Augen der kremlfreundlichen Quellen ist die westliche Welt alles andere als schön und ihre Verbündeten sind alles andere als ehrliche Partner. So überziehen sie den Westen  weiterhin mit verbrannter Erde, mit Hilfe ihrer Verschwörungstheorien, haltlosen Geschichten, Manipulationen offizieller Erklärungen und der gesamten Palette des weiteren Instrumentariums, das die Lektüre der Desinformationsfälle dieser Woche offenbart. Alle dienen dem gleichen Ziel: den Westen als schwach, unattraktiv und degeneriert darzustellen.

Die Taktik der verbrannten Erde hat sich in der konventionellen Kriegsführung bisweilen als erfolgreich erwiesen. Es liegt an Ihnen, ob sie auch im Informationskrieg zum Erfolg führt. Hier präsentieren wir eine Reihe neuer Desinformationsfälle und unsere Antworten darauf, die Ihnen helfen können, sich zu wappnen.