Ein krankes Mädchen, das nicht nur dumm, sondern auch naiv ist“ und „die Prophetin einer neuen totalitären Bewegung“ – mit diesen Aussagen reagierte das staatlich kontrollierte russische Fernsehen auf Greta Thunberg und ihre Rede vor den Vereinten Nationen in der vergangenen Woche.

Zugegebenermaßen war das russische Fernsehen nicht allein mit seinem Zorn über die Klimaaktivistin. Doch was die kremlfreundlichen Medien vom restlichen Chor der aufgebrachten (und frauenfeindlichen) Stimmen unterschied, war ihr Wille, eine große Verschwörung hinter Greta Thunberg und ihrem Einsatz aufspüren zu wollen. Verschiedenen kremlfreundlichen Quellen zufolge sei Greta ein Spielball der weltweit tätigen, ungewählten, pop-ökofaschistischen Bürokratie, ein Sprachrohr für Lobbyisten der grünen Energiekonzerne, ein politisches Instrument gegen Russland und China und ein Opfer von Kindesmisshandlung.

Greta Thunberg ist denjenigen, die kremlfreundliche Desinformationen verbreiten, nicht nur deshalb ein Dorn im Auge, weil sie nicht dem Stereotyp davon entspricht, was ein 16-jähriges Mädchen sagen oder tun sollte (obwohl Chauvinismus und Desinformation oft Hand in Hand gehen). Sie ist vor allem deshalb zur Zielscheibe geworden, weil sie eine globale, von der Bevölkerung ausgehende Bewegung verkörpert – ein echter Protest der Bevölkerung, den die kremlfreundlichen Medien einfach nicht akzeptieren können. Ein Hinnehmen würde nämlich nur umso mehr verdeutlichen, mit welch drastischen Mitteln russischen Bürgerinnen und Bürgern das Recht auf friedlichen Protest verweigert wird.

 

China schaltet sich ein

Da sich die kremlfreundlichen Medien nicht einmal mit der Idee eines echten Bürgerprotests, egal, ob weltweit oder lokal aktiv, abfinden können, bedienen sie sich bei ihrer Berichterstattung über Hongkong wieder und wieder der abgedroschenen Phrase, wonach „die Amerikaner Schuld sind“. Diese Woche hatten die kremlfreundlichen Quellen Blut geleckt und behaupteten nicht nur, dass die Proteste durch die USA finanziert seien, sondern auch, dass Amerika auf Todesopfer in Hongkong spekuliere, um Sanktionen gegen China verhängen zu können.

Bezeichnenderweise vertrat eine der kommunistischen Partei nahestehende chinesische Zeitung ganz ähnliche Ansichten über die Ereignisse in Hongkong und behauptete, dass ausländische Mächte die Gewalt in Hongkong angezettelt hätten. Eine weitere parteinahe Quelle nannte die Proteste eine „US-amerikanische Farbrevolution“, ein Klassiker der kremlfreundlichen Desinformation. Dies ist ein besorgniserregendes Beispiel dafür, wie dieselben Desinformationsmuster von verschiedenen Akteuren mit unterschiedlichen politischen Zielen missbraucht werden können.

Durch die Proteste in Hongkong haben wir auch erstmals erfahren, dass es ein von China unterstütztes Netz für Desinformationen auf Twitter, Facebook und Youtube gibt. Der fragliche Versuch war eher ungeschickt, wurden dabei doch falsche Profile verwendet, über die vorher Pornos oder Spam gepostet worden waren. Ganz offensichtlich haben die chinesischen Trolle (noch) nicht den Grad arglistiger Raffiniertheit der St. Petersburger Troll-Armee erreicht. Dennoch hatten diese Angriffe ein erschreckend ähnliches Ziel, nämlich, einen wirklichen Austausch im Netz zu verhindern.

Verbindung zur Ukraine

Vor Angriffen gegen die Ukraine schrecken die kremlfreundlichen Medien nie zurück und nutzten diese Woche die Gunst der Stunde, als das Land plötzlich zum wichtigsten Thema in der amerikanischen Politik wurde. Eine mögliche Amtsenthebung ist ein kompliziertes Verfahren und damit ein wirksames Vehikel für Desinformation.

Die kremlfreundlichen Quellen versuchten, sich die zunehmende mediale Aufmerksamkeit gegenüber der Ukraine weltweit zunutze zu machen, indem sie behaupteten, es sei die Ukraine gewesen, die in die Präsidentschaftswahlen in den USA von 2016 eingegriffen habe. Sie haben zudem weitere Angriffe gegen Kurt Volker (den ehemaligen US-Sondergesandten für die Ukraine) veröffentlicht, in denen dieser beschuldigt wird, die Umsetzung der Minsker Vereinbarungen zu torpedieren, um sich persönliche Vorteile zu verschaffen. Den anderen die Schuld zuzuschieben ist eine primitive, aber wirksame Taktik, um das heimische Publikum von der Verantwortung – und dem Versagen – Russlands abzulenken, die Minsker Vereinbarungen einzuhalten.

 

Den Nerv der Desinformanten getroffen

Die Resolution des Europäischen Parlaments zur Bedeutung des europäischen Geschichtsbewusstseins für die Zukunft Europas hat den Nerv der Desinformanten getroffen. Schon zwei Wochen in Folge greifen die kremlfreundlichen Medien das Europäische Parlament an, indem sie zuletzt etwa behaupteten, dass es Geschichte fälschen und das Dritte Reich vertreten würde. In der Zwischenzeit wurde die Entschließung, die „sämtliche Ausdrucksformen und jegliche Verbreitung totalitärer Ideologien wie des Nationalsozialismus und Stalinismus“ verurteilt, als „verbrecherisch“ und als eine „ideologische Waffe gegen Russland“ gebrandmarkt.

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Für kremlfreundliche Desinformationsquellen handelt es sich bei einer Protestbewegung zwangsläufig um ein Instrument amerikanischer, europäischer oder schlicht böser Mächte, sofern sie sich der Kontrolle Moskaus entzieht. Vom Kreml inszenierte und kontrollierte Proteste hingegen seien gerecht und fair. Historische Fakten sind nur relevant, wenn sie sich in das Narrativ des Kremls fügen. Beweise sind nur dann Beweise, wenn sie derart verfälscht wurden, dass sie die russischen Streitkräfte von ihrer Schuld am Abschuss des Flugs MH17 freisprechen.