Pädophilie in Finnland. Bürgerkrieg in den USA. Auslöschung von Männern durch den westlichen Feminismus.

Die üblichen Fieberträume der kremlnahen Medien liefen diese Woche wieder mal auf Hochtouren (aber wann tun sie das nicht?!); vollauf damit beschäftigt, das ganze Panoptikum der Masternarrative – Markenzeichen der riesigen und facettenreichen russischen Desinformationsmaschinerie – auszuschöpfen. Kurz gesagt geht es in dieser alternativen Welt darum, das Establishment und die institutionelle Ordnung des Westens als Bedrohung für alles darzustellen, was gewöhnlichen Menschen auf der Welt lieb und teuer ist: traditionelle Werte, Souveränität, nationale Identität, demokratische WahlenSicherheit und Stabilität… Die Liste lässt sich unendlich fortsetzen. Es gibt kein moralisches Versagen, das der Westen oder seine Agenten sich nicht irgendwann einmal haben zuschulden kommen lassen.

Diese Woche haben die kremlnahen Medien und ihre Experten für Ablenkungsmanöver, moralischen Relativismus und “Whataboutism” wieder ein Meisterstück geliefert, wenn es darum geht, den Gegner zu diskreditieren, indem man ihn der Heuchelei bezichtigt und dabei wie üblich jeglichen Beweis schuldig bleibt. So versucht der Kreml immer wieder, seine Kritiker zu schwächen, indem er ihnen dieselben (oder schlimmere) Vergehen vorwirft, ohne auf die Kritik selbst einzugehen. Egal bei welchem Thema, Russland und seinen Verbündeten ist nie etwas vorzuwerfen: Zeitlich wie räumlich ist dies die einzige Konstante, die sich wie ein roter Faden durch die kremlnahe Desinformationsstrategie zieht. NATO ist der Angreifer, nicht Russland. Der Vorfall in der Straße von Kertsch war eine absichtliche Provokation der Ukraine; Russland traf keine Schuld. Assad hat niemals chemische Waffen in Syrien eingesetzt; vielmehr haben Terroristen und die Weißhelme hier gemeinsame Sache gemacht. Die Sanktionen des Westens sind durch nichts zu rechtfertigen und haben einzig zum Ziel, gewöhnlichen russischen Menschen das Leben schwer zu machen. Keine dieser Behauptungen ist neu; wir registrieren sie jede Woche immer wieder aufs Neue in unserer Datenbank.

 

 

Die krassesten Fälle in dieser Woche betrafen zwei Themen, die der Kreml besonders gerne benutzt, um öffentliche Empörung zu erregen und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen: Faschismus und Pädophilie. Angebliche neue “Beweise” über finnische Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg seien aufgetaucht, nach denen die Wächter sterbende Kinder vergewaltigt hätten. Russische Medien verdrehten zudem einen satirischen Artikel – und präsentierten ihn als wahre Geschichte –, nach dem die estnische Regierung Russland mit einer “militärischen Endlösung“ gedroht habe.

Auch Völkermord stand auf der Tagesordnung: So hieß es, die Istanbul-Konvention – ein Übereinkommen des Europarats zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen – sei eine perfide Verschwörung der LGBT-Community mit dem Ziel, die traditionelle Familie zu zerstören. Gleichzeitig hieß es, der postmoderne Feminismus sei schuld an der vollständigen Verweichlichung und Auslöschung von Männern, während Frauen zu allmächtigen Herrscherinnen würden.

Sensationslüsternen Geschichten, die darauf ausgelegt sind, Empörung und Entrüstung hervorzurufen, werden ganz bewusst subtilere Berichte an die Seite gestellt, die die Wahrheit nur ein wenig verbiegen, um Verwirrung und Zweifel zu stiften – gerade so viel, dass man sich fragt, ob an der kremlfreundlichen Version nicht doch etwas dran ist. Genau dieser Zweifel an der eigenen Wahrnehmung, dieses Infragestellen der realen Tatsachen ist ein Hauptziel der kremlnahen Desinformationskampagnen. Schließlich klingen Behauptungen, die USA würden die Konflikte mit Russland absichtlich anheizen, und es sei Sache der Ukraine, die Krim als russisches Gebiet anzuerkennen, neben abstrusen Gerüchten über Pädophile und Nazis doch geradezu vernünftig, oder? Genau darauf hat es der Kreml angelegt.