Wenn man den ständigen Fluss an Desinformationen beobachtet und versucht ihnen etwas entgegen zu setzen, überraschen einen selbst die wildesten erfundenen Geschichten kaum mehr. Doch manchmal geschieht es doch, dass sie wirklich unter die Haut gehen.

Wie würden Sie das Niveau an Zynismus der folgenden, im russischen Fernsehen getroffen Aussage messen?

„Der syrische Einsatz chemischer Waffen (Chlorgas) ist fingiert. Mögliche nackte und nasse Kinder zittern aufgrund der Kälte. Einige der Kinder sind vielleicht bewusstlos, vielleicht schlafen sie auch nur. Es ist gut, dass die Fotos der Opfer bloß inszeniert und keine Menschen für dieses Bildmaterial umgekommen sind. Die NGO Swedish Doctors beschuldigen die Weißhelme, Kinder für ein realistisches Foto umgebracht zu haben.“

Die drei Kernbotschaften

Unmittelbar nachdem Berichte über einen mutmaßlichen Chemiewaffenangriff im syrischen Duma auftauchten, fachte Russland seine Desinformationskampagne bezüglich des Gebrauchs von Chemiewaffen in Syrien wieder an. Dieses Mal konzentrierten sich die Anstrengungen auf drei Hauptaussagen:

  1. Das Bildmaterial leidender Opfer wurde von den Weißhelmen inszeniert (Russisches Verteidigungsministerium),
  2. Der Chemiewaffenangriff ist generell eine erfundene Geschichte (Russisches Außenministerium)
  3. Das Ziel besteht darin, die Öffentlichkeit von mangelnder Klarheit bezüglich der Salisbury-Attacke abzulenken (Ständiger Russischer Vertreter bei der UN)

Diese Botschaften wurden dann von kremlfreundlichen Medien aufgenommen.

Während vergangene Woche russische Desinformationen zu Chemiewaffenangriffen versuchten, „Anti-Assad-Terroristen“ zu beschuldigen (siehe dazu als Beispiel den Angriff in Chan Scheichun letztes Jahr)wurde dieses Mal behauptet, dass es überhaupt keinen Angriff gegeben habe. Und diese Behauptung wurde sogar von einigen westlichen Medien veröffentlicht.

Tatsächlich gibt es überwältigende Belege für den Vorfall. Die Weltgesundheitsorganisation schätzte die Zahl der Patienten, die Gesundheitseinrichtungen besuchten und in Zusammenhang mit„der Einwirkung von toxischen Chemikalien passende Zeichen und Symptome“ aufwiesen, auf 500. Oppositionelle syrische Aktivisten, Rettungsarbeiter und Sanitäter behaupteten, Dutzende Menschen seien bei dem Chemiewaffenangriff getöteten. Bellingcat veröffentlichte dazu eine detaillierte, auf offenen Quellen basierte Untersuchung. Des Weiteren gab die EU an, dass Bewiese  auf einen abermaligen Chemiewaffenangriff des Regimes hinwiesen.

RT veröffentlichte Fotos der Opfer des jüngsten Angriffes in Syrien und behauptete, sie wären inszeniert gewesen.

Die Desinformationen zur Attacke in Salisbury gehen weiter

Während der letzten zwei Wochen verbreitete Russland weiterhin unzählige verschiedene und widersprüchliche Theorien zu der Attacke in Salisbury. Der Sturm der Desinformationen hat es mittlerweile geschafft, die Mehrheit des Informationsraumes in den sozialen Medien einzunehmen.

Tschechisch– und georgischsprachige Medien wiederholten eine der Hauptbotschaften, nämlich dass das Vereinigte Königreich hinter der Vergiftung des Ex-Spions Sergei Skripal stecke. Jedoch wurden auch neue Ansätze erfunden, zum Beispiel, dass der Salisbury Angriff eine Provokation zur Rechtfertigung des Anstiegs des NATO-Militärbudgets gewesen sei. Die Botschaft rund um den russophoben und/oder Nazi-Westen wurde mithilfe der Behauptungen weiter ausgeführt, der Westen versuche die Welt zu überzeugen, dass die Russen eine Nation von Kriminellen seien und es sich um „Goebbels-Propaganda“ handele, Russland für die Vergiftung verantwortlich zu machen. Die Theorie wurde noch insofern weiterentwickelt, dass es überhaupt keine Substanz Nowitschok gebe, demnach lüge Großbritannien über die Salisbury-Attacke.

Sehen Sie dazu die Antwort der britischen Regierung zu den Tatsachen und zwei unserer früheren Berichte zu den Desinformationen bezüglich des Angriffs.

Die Desinformationskampagne versuchte auch die Unterstützung zu zeigen, die Russland von Europa bekomme. Es wurde behauptet, finnische Politiker wären zu dem Schluss gekommen, die ukrainischen Geheimdienste hätten den Angriff befohlen. Tatsächlich hat die Europäische Union—und damit auch Finnland als EU-Mitgliedsstaat—ihren Schock gegenüber dem Einsatz von militärisch nutzbaren Nervengift zum ersten Mal seit über 70 Jahren auf europäischen Boden geäußert, eines Typs entwickelt von Russland.

Übersetzungen aus dem Englischen: Astrid Schwaderer