Nach einer sommerlichen Pause von der Berichterstattung über Desinformation sind wir wieder an der Arbeit – ebenso wie die Sprachrohre von Desinformation.

Ein Großteil der Desinformation, die wir in den letzten zwei Wochen beobachtet haben, zielte auf das Dauerziel: die Ukraine. Man konnte einige bekannte Sichtweisen erkennen: „Die Ukraine ist kein Staat“, „Die Ukraine ist von Europa aufgegeben worden“, „Es gibt keine ukrainische Unabhängigkeit“. Die am häufigsten wiederholte Desinformation war ein alter Bekannter: die Verbindung von Nazis und der Ukraine. So wurde das Land beschuldigt, ein vom Westen erschaffenes Neo-Nazi-Monster zu sein; ebenso, sei es von Nazis besetzt, die in Goebbels Fußstapfen getreten seien. Es gab keine explizite Erwähnung der tatsächlichen Besatzung von Teilen der Ukraine (siehe Seite 35).

Der deutsche Außenminister Gabriel wurde ebenso Ziel von Desinformation, als er der Ukraine anlässlich ihres Unabhängigkeitstags gratulierte: Auf Twitter benutzte er die Worte „Slava Ukraini“, was so viel wie „Ruhm der Ukraine“ bedeutet. Dieser Ausdruck wurde schnell für einen vermeintlich „altbekannten“ Nazi-Spruch aus dem Zweiten Weltkrieg gehalten, ein weiterer Fall von einfallsreichen Geschichtsrevisionismus. Tatsächlich wird die Wendung „Slava Ukraini“ schon mindestens seit 1919 benutzt und ist nach den Protesten auf dem Maidan 2013/2014 in der Ukraine wieder populär geworden.

Die Ukraine wurde ebenso in einigen Medien wieder als Opfer des „bösen Westens“ präsentiert—ein weiteres wiederkehrendes Thema der Desinformation. Wie wir diese Woche schon ausführlich berichtet haben, behauptete die berüchtigte Hackergruppe CyberBerkut (siehe Seite 39), Beweise zu besitzen, dass die Ukraine lediglich ein Testgelände für geheime US-amerikanische Experimente sei. Natürlich wurden keine Beweise zu diesen angeblichen biologischen Versuchsgeländen präsentiert. Wir haben diese Behauptung mehrmals zuvor schon gesichtet, zum Beispiel hier und hier.

Schon im Sommer tauchte die gleiche Nachricht in Armenien auf—wie es in diesem Bericht der Nichtregierungsorganisation “Union der informierten Bürger” zu lesen steht. In einem ähnlichen Fall behauptete eine tschechische Webseite, ein Masernausbruch in der Ukraine sei von US-amerikanischen Laboren verursacht worden, welche biologische Waffen herstellten.

Manipulation als Methode

Sowohl georgische als auch russische Medien veröffentlichten diese Woche einen angeblichen Exklusivbericht: Der frühere Chef des britischen Geheimdienstes MI6 habe westliche Pläne zur Aufteilung Russlands in einem Interview mit der Zeitung “The Guardian” preisgegeben.

Hier handelt es sich um Manipulation. Nicht der Plan, der in einem Interview offenbart wurde, das in Wirklichkeit nie stattgefunden und nie vom Guardian veröffentlicht wurde. Sondern die Manipulation bestand darin, eine fingierte Webseite zu benutzen, die der echten Seite des Guardian zum Verwechseln ähnlich sah. Damit wurde einem vorgegaukelt, man lese einen Artikel auf der realen Webseite des Guardian. Es ist ein Trick, über den wir schon zuvor berichtet haben, nämlich hier und hier. Dieser Trick kann ein sehr effektiver Weg zu Verbreitung von Desinformationen sein. Diese werden eher von echten Medien aufgenommen werden, wenn das falsche Medium so daherkommt wie ein echtes.

Dieses Mal schien der Schaden recht früh abgewandt, da der Guardian die Geschichte schnell widerlegte. Und trotzdem schaffte es der Artikel ganze fünf (!) Tage später in das russische Staatsfernsehen. Wladimir Solowjow, der Moderator einer der beliebtesten russischen Polit-Talkshows, bezog sich auf diesen Artikel und sagte: „Einige meinen, es sei wahr; einige meinen, es sei nicht wahr.“ Im klassischen Stil kremlfreundlicher Desinformation, legte er nahe, dass es fast unmöglich sei zu wissen, was heutzutage wahr ist und was nicht.

Aber das ist es nicht. Man muss nur auf die Fakten schauen—und das auch wollen.

Die komplette Tabelle der neuesten Berichte mit Falschmeldungen lesen (auf Englisch)