Die Desinformationsfälle dieser Woche spiegeln eine Kultur des Ressentiments wider, die sich seit Jahren wie ein roter Faden durch die Berichterstattung der kremlnahen Medien zieht. Das russische Wort обида („obida“), das für Wut, Ressentiment, beleidigtes Schmollen oder auch Missgunst steht, ist zu einem Kernelement staatlicher Medienstrategien geworden, wenn es darum geht, die Wahrnehmung der Öffentlichkeit zu beeinflussen. Der russische Schriftsteller Andrey Arkhangelsky, der auf unserer Website bereits vorgestellt wurde, schildert in einem Essay (in russischer Sprache), wie der Kreml Ressentiments gezielt fördert. So fordert der Kreml beispielsweise im Zuge der Vorbereitung auf den 75. Jahrestag des Siegs über Nazideutschland die „Anerkennung“ der Errungenschaften Russlands durch den Rest der Welt. Arkhangelsky schreibt: „Die Energie des Festes wird aufgeladen, indem diejenigen verflucht werden, die unserem Sieg die ‚Anerkennung‘ verweigern […] Das Fest ist zu einem Marionettentheater geworden.“

Ressentiment und Entrüstung

Der Kreml ist fest entschlossen, sich als einzige Kraft des Widerstands gegen den Faschismus darzustellen – heute wie damals. Das russische Außenministerium deutet amerikanische Interessen hinter der Kriegsmaschinerie der Nazis an. Staatliche russische Fernsehsender erklären, Präsident Putin habe bewiesen, dass Polen für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verantwortlich sei. Solche Behauptungen sollen nach Vorstellung des Kreml von der Welt „anerkannt“ werden. Bleibt die gewünschte Anerkennung aus, reagiert Russland mit Ressentiments.

Das Muster ist klar erkennbar – diese Woche genauso wie in den Wochen zuvor. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hat einstimmig empfohlen, Russland für vier Jahre von großen Sportveranstaltungen auszuschließen (mit Ausnahme der Fußballweltmeisterschaft und der Europameisterschaft 2020). Die russische Anti-Doping-Behörde hat die Vorwürfe anerkannt, nach denen russische Sportler einem systematischen, staatlich geförderten Dopingprogramm unterzogen wurden. In den kremlnahen Medien wird der Vorgang jedoch als politisierter Angriff gegen Russland dargestellt.  Der Beschluss der WADA sei „illegal“, heißt es; er verletze die Olympische Charta; er sei Ausdruck „antirussischer Hysterie“, und norwegische Sportler, die genauso gedopt seien, würden nie bestraft. Statt das Problem anzugehen, gibt sich der Kreml lieber entrüstet.

Beleidigtes Schmollen

In Estland haben die Behörden festgestellt, dass Sputniks Muttergesellschaft – die von Dmitry Kiselyov gemanagte Holding Rossiya Segodnya – unter die Sanktionsregelung fällt, da Kiselyov auf der Liste der Personen steht, die restriktiven Maßnahmen unterliegen, weil sie Handlungen begangen haben, die die territoriale Unversehrtheit, Souveränität und Unabhängigkeit der Ukraine untergraben. Banken dürfen keine Transaktionen im Auftrag von Rossiya Segodnya durchführen, und Sputnik kann weder Miete noch Löhne zahlen. Auch hier haben die kremlnahen Medien mit Ressentiments reagiert. Estland betreibe eine Hetzjagd auf Sputnik-Beschäftigte, hieß es; das Land habe Angst vor Sputniks Einfluss und wolle den Sender zum Schweigen bringen, indem seine Mitarbeiter von der Polizei bedroht würden. Hier begegnet uns wieder das gleiche Muster: Kremlnahe Medien geben sich lieber beleidigt und schmollen, anstatt das Problem anzugehen und eine Lösung zu finden.

Im eigenen Land reden die kremltreuen Medien ihrem Publikum ein, die Welt außerhalb Russlands sei gefährlich. Einer Umfrage des unabhängigen russischen Levada Centers zufolge leben 42 Prozent der russischen Bevölkerung in ständiger Angst vor einem Weltkrieg. Die staatlich geförderten Medien gießen Öl ins Feuer: Die NATO bereite einen Großangriff vor, heißt es; Feminismus sei ein Instrument des Westens, um die von der Vernunft gebotene Ordnung zu untergraben; Washington führe systematisch Angriffe gegen Regierungen durch, die sich der US-amerikanischen Weltordnung widersetzten; ganz allgemein werde der Westen von kindischen, dummen Menschen regiert.

Jegliche Kritik wird als „Dämonisierung“, „Russophobie“, „Hysterie“ oder „Wahnsinn“ abgetan; namhafte Kritiker werden verunglimpft und lächerlich gemacht. Kremlnahe Medien verbreiten nur zu gern dreiste Lügen über Greta Thunberg, etwa die Behauptung, sie sei das uneheliche Kind eines russischen Regisseurs und einer Prostituierten.

 

 

Heute vor zwanzig Jahren

Eines der ersten großen Gesetze, die Wladimir Putin als russischer Präsident auf den Weg brachte, war die Informationssicherheitsdoktrin aus dem Jahr 2000. Darin wird der „Informationsraum“ als Konfliktzone definiert, in der Russland interne und externe Bedrohungen begegnen:

Zu den externen Bedrohungen gehören:

– Tätigkeiten ausländischer Einrichtungen aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Militär, Nachrichtendienst und Information, die sich gegen die Interessen der Russischen Föderation im Informationsraum richten;

– das Dominanzstreben einer Reihe von Ländern, die Verletzung der Interessen Russlands im internationalen Informationsraum sowie Versuche, Russland aus externen und inländischen Informationsmärkten zu verdrängen.

Während der Abfassung dieses Berichts haben Kremlbedienstete die unabhängige Medienholding Media Most angegriffen und ihren Eigentümer Wladimir Gusinsky gezwungen, sie an die staatliche Gazprom zu verkaufen. Unabhängige Medienunternehmen waren Gegenstand feindlicher Übernahmen; eines nach dem anderen wurde zum Schweigen gebracht und durch kremlhörige Plattformen ersetzt, die nicht davor zurückschrecken, Desinformation und Propaganda zu verbreiten. Russlands Führung verweigert seinen Bürgerinnen und Bürgern das Recht auf einen freien öffentlichen Diskurs. In der Zwischenzeit ist Russland auf der Rangliste der Pressefreiheit immer tiefer gesunken. Als die Rangliste 2002 erstmals erstellt wurde, lag Russland auf Platz 121. Derzeit liegt Russland auf Platz 149, und der Kreml lässt nicht nach, die Meinungsfreiheit in Russland weiter einzuschränken.

Seit 2000 haben sich die kremlnahen Medien zunehmend in eine Haltung des Ressentiments zurückgezogen. So heißt es etwa, Feuerwerkskörper seien in Europa wegen der Migranten verboten; die NATO vergifte die Beziehungen zwischen Serbien und Russland durch erfundene Spionagegeschäfte. Verschwörungstheorien über einen verborgenen Staatsapparat („Deep State“) und angebliche „Schattenregierungen“ werden als Tatsachen präsentiert.

Arkhangelsky argumentiert in seinem Essay, die „obida“-Kultur des Ressentiments sei ein bewusster Schritt, um Russlands Bevölkerung von aktuellen Fragen und innenpolitischen Problemen abzulenken. Der Kreml schafft sich mythische Feinde, um von einer unerfreulichen Wirklichkeit abzulenken, schreibt Andrey Arkhangelsky mit Blick auf die russische Gesetzgebung, mit der „die Gegenwart selbst zu einer ‚unerwünschten Organisation‘ erklärt worden ist“.

Zwanzig Jahre Putin – das waren zwanzig Jahre beleidigtes Schmollen.